Dubai Telegraph - Russlands Energie am Limit

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Russlands Energie am Limit




Als am 6. Juli die Omsker Ölraffinerie in Sibirien von ukrainischen Drohnen getroffen wurde, verschob sich die Reichweite des Energiekriegs erneut. Die Anlage liegt rund 2.700 Kilometer von ukrainisch kontrolliertem Gebiet entfernt. Sie ist nicht irgendein Industriebetrieb, sondern Russlands größte Raffinerie und der wichtigste Produzent von Benzin im Land. Nach dem Angriff kam die Verarbeitung zum Stillstand. Eine zentrale Rohöldestillationsanlage, die etwa 38 Prozent der Kapazität ausmacht, wurde beschädigt. Eine zweite Einheit mit weiteren 37 Prozent fiel aus, weil wichtige Leitungs- und Netzverbindungen getroffen waren. Damit wurde aus einem spektakulären Fernangriff ein unmittelbares Versorgungsproblem.

Omsk steht für die neue Qualität der ukrainischen Kampagne und das ist gut so. Kiew greift nicht mehr nur grenznahe Tanklager und kleinere Raffinerien an, sondern verfolgt eine systematische Strategie gegen die gesamte Wertschöpfungskette des russischen Ölsektors. Im Visier stehen Rohölverarbeitung, Lager, Pumpstationen, Exportterminals und zunehmend auch Tanker des russischen Terrorstaates. Seit Ende März 2026 wurden mehr als 50 Angriffe auf Raffinerien, Depots, Terminals und andere Ölanlagen gemeldet. Viele Ziele wurden wiederholt attackiert. Gerade diese Wiederholungen sind entscheidend, weil sie Reparaturen verzögern, Schutzkräfte binden und die Unsicherheit über künftige Ausfälle erhöhen.

Der sichtbare Schaden konzentriert sich bislang vor allem auf die Raffinerien. Russland fördert weiterhin große Mengen Rohöl und kann erhebliche Volumen exportieren. Doch Rohöl allein treibt weder Lastwagen noch Panzer, Flugzeuge oder Erntemaschinen an. Dafür muss es zu Benzin, Diesel, Kerosin und weiteren Produkten verarbeitet werden. Raffinerien sind komplexe Verbundsysteme. Wird eine zentrale Destillations-, Crack- oder Hydrieranlage zerstört, kann der übrige Betrieb oft nicht einfach weiterlaufen. Selbst wenn Tanks, Rohrleitungen und Nebengebäude unbeschädigt bleiben, reicht der Ausfall eines Engpasses, um große Teile einer Anlage stillzulegen.


Wie verwundbar diese Struktur geworden ist, zeigt die Raffinerie am südlichen Rand Moskaus. Sie wurde im Juni zweimal getroffen und ist der wichtigste Treibstofflieferant für die Hauptstadtregion. Die Schäden gelten als so schwer, dass die Reparatur mindestens ein halbes Jahr dauern dürfte. Auch die Raffinerie NORSI bei Nischni Nowgorod, die zu den größten Anlagen des Landes und zu den wichtigsten Benzinproduzenten gehört, musste nach Treffern die Rohölverarbeitung unterbrechen. In Saratow wurde Anfang Juli die einzige primäre Verarbeitungsanlage getroffen. Der Betrieb kam dort bereits zum dritten Mal in diesem Jahr nach einem Drohnenangriff zum Erliegen. Hinzu kommen Attacken auf hochmoderne Anlagen in Tatarstan sowie auf Pumpstationen und Schiffe im Asowschen Meer.

Die Summe dieser Ausfälle hat die russische Treibstoffproduktion deutlich gedrückt. Im Juni sank die Verarbeitung von Rohöl gegenüber dem Vorjahr um etwa 25 Prozent auf rund 3,95 Millionen Barrel täglich. Das war der niedrigste Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten. Die Benzinproduktion verringerte sich um rund 17 Prozent auf etwa 850.000 Barrel pro Tag. Branchenbeobachter schätzen, dass zeitweise ungefähr ein Drittel der russischen Raffineriekapazität außer Betrieb war. Die genaue Quote schwankt, weil Anlagen teilweise wieder anlaufen, andere kurz darauf erneut getroffen werden und russische Unternehmen nur begrenzt über das Ausmaß der Schäden informieren.

Für die Bevölkerung ist die Krise inzwischen an den Tankstellen sichtbar. In zahlreichen Regionen gelten Abgabebeschränkungen, lange Schlangen und zeitweise geschlossene Zapfsäulen gehören zum Alltag. Besonders angespannt ist die Lage auf der von Russland besetzten Krim, in Teilen Südrusslands und in weit entfernten Regionen Sibiriens. Selbst Moskau, das wirtschaftliche Schocks gewöhnlich länger abfedern kann als die Provinz, blieb nicht verschont. An unabhängigen Tankstellen stiegen die Preise für einzelne Benzinsorten zeitweise auf mehr als 100 Rubel je Liter. Große Ölkonzerne hielten ihre Preise vielerorts niedriger, konnten die Nachfrage aber nicht immer bedienen.

Die Reaktion der Despoten im Kreml offenbaren den Ernst der Lage. Benzinexporte wurden beschränkt, die Ausfuhr von Flugtreibstoff bis Ende November gestoppt und Anfang Juli ein umfassender Diesel-Exportstopp bis zum Monatsende verhängt, die Menschen warten teiuls zwei Tage auf ein paar Liter Benzin oder Diesel. Zugleich begann Russland, zusätzliche Treibstofflieferungen aus dem Ausland zu organisieren. Benzin aus Indien und Kasachstan soll Engpässe lindern. Dass einer der größten Ölproduzenten der Welt auf Importe raffinierter Produkte angewiesen ist, bedeutet noch keinen Zusammenbruch. Es zeigt jedoch, dass die Schwachstelle nicht unter der Erde liegt, sondern in der Verarbeitung und Verteilung.

Auf den ersten Blick scheint Russland den Ausfall der Raffinerien sogar durch höhere Rohölexporte kompensieren zu können. Die Verschiffungen über die westlichen Häfen erreichten im Juni mit annähernd drei Millionen Barrel täglich einen Rekord. Dieser Anstieg ist jedoch kein eindeutiges Zeichen von Stärke. Er ist vor allem die Folge davon, dass weniger Rohöl im Inland verarbeitet werden kann. Was nicht zu Benzin oder Diesel veredelt wird, muss als Rohstoff verkauft, eingelagert oder die Förderung muss gedrosselt werden. Rohöl bringt in der Regel weniger Wertschöpfung als raffinierte Produkte. Zusätzliche Mengen erhöhen zudem den Preisdruck auf russische Sorten, während Hafen- und Transportkapazitäten natürliche Grenzen setzen.

Damit trifft die ukrainische Strategie auf eine Wirtschaft, die ohnehin an Tempo verliert. Nach dem kriegsgetriebenen Wachstum der vergangenen Jahre schrumpfte die russische Wirtschaftsleistung im ersten Quartal 2026 um 0,2 Prozent. Für das Gesamtjahr bewegen sich aktuelle Prognosen nur noch grob zwischen 0,4 und 1,1 Prozent Wachstum. Die russische Zentralbank hält den Leitzins trotz erster Senkungen bei 14,25 Prozent. Die Inflation lag im Mai bei 5,3 Prozent. Treibstoffknappheit, höhere Logistikkosten und staatliche Mehrausgaben können den Preisdruck erneut verstärken und weitere Zinssenkungen erschweren.

Das zentrale Problem der russischen Kriegswirtschaft ist deshalb nicht ein einzelner brennender Tank, sondern die Gleichzeitigkeit mehrerer Engpässe. Der Staat benötigt immer mehr Geld für Rüstung, Sold, Entschädigungen, innere Sicherheit und den Schutz kritischer Infrastruktur. Gleichzeitig fehlen Arbeitskräfte, moderne Maschinen, Spezialkomponenten und günstiges Kapital. Die niedrige Arbeitslosigkeit sieht auf dem Papier positiv aus, ist in einer mobilisierten Kriegswirtschaft aber auch Ausdruck eines erschöpften Arbeitsmarktes. Unternehmen konkurrieren mit dem Militär und der Rüstungsindustrie um Personal. Hohe Löhne in kriegsnahen Branchen treiben die Kosten, ohne automatisch die zivile Produktivität zu erhöhen.

Auch der Staatshaushalt verliert an Spielraum. In der ersten Hälfte des Jahres 2026 belief sich das Defizit auf rund 5,73 Billionen Rubel oder 2,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Damit lag das Minus bereits deutlich über dem für das gesamte Jahr vorgesehenen Ziel von 1,6 Prozent. Die Einnahmen aus Öl und Gas waren in den ersten fünf Monaten trotz zeitweise höherer Weltmarktpreise etwa 30 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Schon 2025 waren diese Einnahmen um 24 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2020 gefallen. Dafür sind nicht allein die Drohnenangriffe verantwortlich. Niedrigere Preise für russisches Öl, hohe Abschläge, Sanktionen, Wechselkurseffekte und Veränderungen bei den wichtigsten Käufern spielen ebenfalls eine große Rolle. Die Angriffe verschärfen jedoch genau jene Schwäche, die für den Haushalt am empfindlichsten ist.

Gleichzeitig sind die frei verfügbaren Reserven des Nationalen Wohlstandsfonds stark geschrumpft. Die liquiden Mittel entsprachen im April nur noch etwa 1,8 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zu Beginn des umfassenden Krieges waren es 6,5 Prozent. Russland verfügt weiterhin über Steuereinnahmen, staatlich kontrollierte Banken, eine vergleichsweise niedrige Staatsverschuldung und die Möglichkeit, Unternehmen zu verpflichten oder Kapitalströme zu lenken. Der Kreml kann deshalb noch lange Mittel mobilisieren. Doch jede zusätzliche Finanzierung geht stärker zulasten von Investitionen, Konsum, Regionen und privaten Unternehmen.

Besonders heikel ist die Belastung des russischen Bankensystems. Ein wachsender Teil der Kriegsfinanzierung läuft außerhalb des regulären Haushalts über staatlich gelenkte Kredite und bevorzugte Finanzierung für Rüstungsbetriebe. Solange Produktion, Aufträge und Rückzahlungen funktionieren, kann dieses Modell stabil wirken. Werden jedoch Unternehmen durch hohe Zinsen, sinkende Nachfrage oder staatlich vorgegebene Investitionen überfordert, steigen die Risiken in den Bankbilanzen. Der Energieengpass wirkt hier wie ein Verstärker: Er verteuert Transporte und Produktion, bindet zusätzliches Kapital für Reparaturen und zwingt den Staat zu Subventionen, Preisbremsen oder Importen.

Trotzdem wäre es falsch, bereits von einer vollständig zerstörten russischen Energieindustrie zu sprechen. Russland besitzt ein weit verzweigtes Netz aus Förderfeldern, Raffinerien, Pipelines, Depots und Häfen. Viele Anlagen wurden in der Sowjetzeit mit beträchtlichen Reservekapazitäten gebaut. Reparaturteams können Schäden oft schneller beheben, als es Außenstehende erwarten. Der Staat priorisiert Militär, Landwirtschaft und systemrelevante Betriebe und kann Knappheit auf private Verbraucher abwälzen. Zudem profitiert Moskau weiterhin von Exportbeziehungen zu China, Indien und anderen Abnehmern.

Doch die bisherige Widerstandsfähigkeit wird teurer. Moderne Raffinerien enthalten Technik, Katalysatoren und Steuerungssysteme, die vor dem Krieg häufig aus westlichen Ländern stammten. Sanktionen erschweren die Beschaffung, verlängern Reparaturen und erhöhen die Abhängigkeit von Ersatzlösungen aus China oder von Eigenentwicklungen. Noch wichtiger ist die neue Reichweite der ukrainischen Drohnen. Wenn selbst Omsk nicht mehr außerhalb des Gefahrenraums liegt, muss Russland seine Luftverteidigung über ein riesiges Territorium verteilen. Jede Raffinerie, jeder Hafen und jede Pumpstation kann geschützt werden, aber nicht überall gleichzeitig und nicht gegen jede Angriffswelle.

Der Energiekrieg bleibt zugleich keine Einbahnstraße. Russlands Diktator Wladimir Putin (73) lässt sein Jahren Kraftwerke, Umspannwerke, Gasinfrastruktur und Wärmeerzeugung in der Ukraine angreifen. Diese Terror-Angriffe haben das ukrainische Stromsystem schwer beschädigt und die Zivilbevölkerung wiederholt mit Ausfällen belastet. Die ukrainische Antwort zielt stärker auf Russlands Ölverarbeitung, Logistik und Exportfähigkeit. Beide Seiten versuchen, die industrielle Durchhaltefähigkeit des Gegners zu schwächen. Der Unterschied liegt vor allem in den verfügbaren Mitteln und in der wirtschaftlichen Funktion der Ziele.

Für Kiew ist die Kampagne attraktiv, weil vergleichsweise günstige Langstreckendrohnen Anlagen treffen können, deren Ausfall Schäden in Millionen- oder Milliardenhöhe verursacht. Der militärische Effekt entsteht nicht nur durch fehlenden Treibstoff an der Front. Russland muss Flugabwehr, Personal und Reparaturkapazitäten aus anderen Bereichen abziehen. Der wirtschaftliche Effekt entsteht durch Produktionsausfälle, Preissteigerungen, geringere Exporterlöse und zusätzliche Staatsausgaben. Der politische Effekt zeigt sich dort, wo der Krieg den Alltag russischer Bürger spürbar erreicht, etwa in Form leerer Zapfsäulen, rationierter Mengen und steigender Preise.
Man kann daher mit Fug und Recht sagen: Der Krieg ist bei den Russen angekommen und er wird massiv spürbar, ein Krieg den ein wahnsinniger Kriegsverbrecher und Massenmörder, Wladimir Putin, ohne Sinn und Verstand vom Zaun gebrochen hat und für den die Russen nun die Zeche zahlen.

Ob daraus strategischer Zwang entsteht, hängt vor allem von der Dauer ab. Einzelne Anlagen lassen sich reparieren, Lieferströme umleiten und Engpässe durch Importe überbrücken. Eine dauerhaft hohe Angriffstaktung kann jedoch verhindern, dass das System zur Normalität zurückkehrt. Werden zugleich Exportterminals, Pipelines und besonders schwer ersetzbare Raffinerieeinheiten getroffen, sinkt die Fähigkeit Moskaus, Verluste durch bloße Verschiebung von Rohöl auszugleichen. Dann würde aus einer Treibstoffkrise ein tieferer Einnahme- und Produktionsschock.

Die Wirtschaft des russischen Terrorstaat steht deshalb nicht unmittelbar vor dem Kollaps, aber sie operiert mit deutlich kleineren Sicherheitsmargen. Die Ukraine hat die Energieindustrie nicht vollständig zerstört. Sie hat jedoch gezeigt, dass selbst die stärksten und am weitesten entfernten Teile dieses Sektors verwundbar sind. Jeder neue Treffer zwingt den Kreml zu einer kostspieligen Entscheidung zwischen Reparatur, Schutz, Import, Exportverzicht und weiterer Belastung des Haushalts. Genau darin liegt die strategische Wirkung der Kampagne: Sie nimmt Russland nicht mit einem Schlag die Energie, sondern erhöht fortlaufend den Preis dafür, den Krieg und die eigene Wirtschaft gleichzeitig am Laufen zu halten.  (M.Motin)



Vorgestellt


WakeBASE-Sprung vom Dubai Infinity Pool

Das Projekt mit dem Namen "WakeBASE" beinhaltete eine einzigartige Kombination aus Drohnen-Wakeskating und BASE-Jumping.Schauplatz dieses Kunststücks war das Address Beach Resort in Dubai, dessen Infinity-Pool 294 Meter über dem Meeresspiegel liegt und damit den Guinness-Weltrekord hält.Grubbs Herausforderung begann mit einem 94 Meter langen Wakeskating über den Pool auf dem Dach, wobei er von einer speziell entwickelten Drohne gezogen wurde.Der Stunt gipfelte in einem BASE-Sprung vom Rand des Pools, bei dem Grubb 77 Stockwerke hinabsprang, bevor er erfolgreich am Strand landete. Diese Leistung war die Verwirklichung von Grubbs siebenjährigem Traum und ein historischer Meilenstein im Extremsport.Um sich auf "WakeBASE" vorzubereiten, unterzog sich Grubb einem rigorosen Training mit der BASE-Sprunglegende Miles Daisher.Obwohl er im Dezember 2022 erst 26 BASE-Sprünge absolviert hatte, absolvierte Grubb 106 Sprünge während seines Trainings, das in Idaho, USA, und Lauterbrunnen, Schweiz, einem renommierten BASE-Sprungort, stattfand.Das Projekt umfasste auch eine Partnerschaft mit Prada, das maßgeschneiderte, für die Anforderungen von Wakeskating und BASE-Jumping optimierte Kleidung zur Verfügung stellte.Die Drohne, die bei diesem Stunt zum Einsatz kam, wurde von einem Team unter der Leitung von Sebastian Stare mit spezieller Hard- und Software entwickelt, die auf die Anforderungen von "WakeBASE" zugeschnitten ist.Die Wahl des Address Beach Resorts in Dubai war von strategischer Bedeutung, da der hohe Infinity-Pool und das architektonische Layout sowohl für den Wakeskate-Lauf als auch für den BASE-Sprung ideal waren.

Lass dich von Dubai und seinem Zauber überraschen

Lass dich von Dubai und seinem Zauber überraschen

Chinas Angriff auf ASML

China macht Fortschritte beim Aufbau eigener Maschinen für die Chipfertigung. Doch ein EUV-Prototyp ist noch kein Ersatz für die Anlagen des niederländischen Marktführers. Entscheidend ist nicht allein, ob die Technik funktioniert, sondern ob sie zuverlässig und wirtschaftlich produziert.Kaum ein Unternehmen verkörpert die technologische Abhängigkeit der chinesischen Halbleiterindustrie so deutlich wie ASML. Der niederländische Konzern liefert die Maschinen, mit denen sich besonders anspruchsvolle Strukturen moderner Computerchips in industriellen Stückzahlen fertigen lassen. Seine EUV-Anlagen sind deshalb weit mehr als Investitionsgüter: Sie stehen im Zentrum eines Wettbewerbs um wirtschaftliche Macht, künstliche Intelligenz und technologische Eigenständigkeit.China will diese Abhängigkeit überwinden. Fortschritte bei eigenen Belichtungssystemen machen das Vorhaben greifbarer. Die Behauptung, ASMLs schlimmster Albtraum sei bereits Wirklichkeit geworden, geht allerdings zu weit. Ein ernst zu nehmender Herausforderer entsteht nicht mit dem ersten gelungenen Experiment. Er entsteht, wenn Kunden dessen Maschinen dauerhaft in ihre Fertigung integrieren können. Genau dort liegt der Haken hinter Chinas vermeintlichem Triumph.Der Prototyp und die entscheidende LückeIn Shenzhen soll Anfang 2025 ein chinesischer EUV-Prototyp fertiggestellt worden sein, der entsprechendes Licht erzeugen konnte. Ende 2025 hatte die Anlage jedoch noch keine funktionsfähigen Chips hergestellt. Als Entwicklungsziel wurde 2028 genannt; zugleich stand 2030 als vorsichtigere Einschätzung im Raum. Beide Jahreszahlen bezeichnen Erwartungen, keine erreichte Serienreife.Der Unterschied ist fundamental. Ein Versuchsaufbau kann zeigen, dass bestimmte technische Komponenten zusammenarbeiten. Eine Produktionsmaschine muss dagegen unter wechselnden Bedingungen berechenbare Ergebnisse liefern. Sie muss präzise bleiben, Wartungsintervalle überstehen und nach einem Eingriff wieder dieselbe Qualität erreichen. Ihre Leistungsfähigkeit bemisst sich nicht an einem besonders gelungenen Test, sondern an einer langen Folge reproduzierbarer Ergebnisse.Auch erste funktionsfähige Chips wären deshalb noch kein Beweis für wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit. Eine Fabrik braucht nicht nur einzelne erfolgreiche Bauteile. Sie braucht eine ausreichend hohe Ausbeute, also einen tragfähigen Anteil einwandfreier Chips an der gesamten Produktion. Bleibt dieser Anteil zu niedrig, verteilen sich die Herstellungskosten auf zu wenige verkäufliche Produkte. Eine technisch beeindruckende Anlage kann dadurch wirtschaftlich unbrauchbar bleiben.Warum das Licht allein nicht genügtEUV steht für extrem ultraviolette Strahlung. Die Lithografie arbeitet dabei mit einer Wellenlänge von 13,5 Nanometern. In ASMLs Systemen treffen leistungsstarke Laserpulse auf winzige Zinntropfen. Das entstehende Plasma emittiert das benötigte Licht, mit dem sich über eine strukturierte Maske feinste Muster auf eine lichtempfindliche Schicht des Siliziumwafers übertragen lassen.Doch dieses Licht lässt sich nicht wie in einem gewöhnlichen optischen Gerät durch Glaslinsen führen. Bereits Luft absorbiert die Strahlung. Der Strahlengang muss daher im Vakuum liegen; hochpräzise Mehrschichtspiegel übernehmen die optische Führung. Lichtquelle, Spiegel, Maske und die Positionierung des Wafers müssen als ein einziges System funktionieren.An dieser Stelle beginnt die eigentliche industrielle Schwierigkeit. Wärme verändert die Eigenschaften optischer Komponenten. Winzige Verschiebungen können die Deckung aufeinanderfolgender Strukturen beeinträchtigen. Verunreinigungen und Abbildungsfehler können Defekte verursachen. Sensoren, Messverfahren und Korrektursoftware müssen solche Einflüsse erkennen und ausgleichen. Es reicht nicht, jede Baugruppe für sich zu beherrschen; die Präzision muss im laufenden Betrieb erhalten bleiben.ASMLs Vorsprung besteht somit nicht nur aus einem Bauplan. Er steckt ebenso in Fertigungsprozessen, Messdaten, Wartungserfahrung und der Abstimmung mit den Chipproduzenten. Wer eine vergleichbare Anlage entwickeln will, muss dieses Zusammenspiel aufbauen. Gerade Erfahrungen aus dem Fabrikbetrieb lassen sich nicht vollständig durch zusätzliche Laborversuche ersetzen.Der nähere Angriff erfolgt über DUVNeben dem EUV-Projekt gewinnt Chinas Entwicklung eigener DUV-Anlagen an Bedeutung. Huawei unterstützt den Aufbau heimischer Ausrüstung und Zulieferer. Das Unternehmen Yuliangsheng arbeitet an entsprechenden Belichtungssystemen, die bei chinesischen Chipproduzenten erprobt werden. Für Ende 2026 steht das Ziel von zwölf Maschinen im Raum. Zugleich bleiben chinesische Hersteller in erheblichem Umfang auf ASML-Technik angewiesen.DUV und EUV dürfen dabei nicht verwechselt werden. Moderne ArF-DUV-Systeme nutzen Licht mit einer Wellenlänge von 193 Nanometern. Durch aufwendige Mehrfachstrukturierung lassen sich damit wesentlich feinere Strukturen erzeugen, als eine einzelne Belichtung erlauben würde. Ein komplexes Muster wird dazu in mehrere einfachere Muster zerlegt, deren Übertragung und weitere Verarbeitung sorgfältig aufeinander abgestimmt werden müssen.Dieser Weg eröffnet technische Möglichkeiten, verlangt aber zusätzliche Prozessschritte und besonders genaue Ausrichtung. Die höhere Komplexität kann die Fertigungsdauer verlängern, Kosten steigern und weitere Fehlerquellen schaffen. Ob das Verfahren wirtschaftlich trägt, hängt vom konkreten Chip und vom beherrschten Produktionsprozess ab. Die Existenz eines leistungsfähigen Prozessors verrät daher noch nicht, wie teuer oder aufwendig seine Herstellung war.Für ASML könnte ein konkurrenzfähiges chinesisches DUV-Angebot dennoch früher spürbar werden als ein EUV-Konkurrent. DUV bleibt auch in modernen Fabriken für zahlreiche Schichten notwendig. Ein heimischer Anbieter müsste deshalb nicht sofort die anspruchsvollsten Anwendungen übernehmen, um Geschäft zu gewinnen. Bereits verlässliche Maschinen für einen Teil der Produktion könnten Abhängigkeiten verringern und den Einstieg in größere Aufträge erleichtern.Eine eigene Maschine ist noch keine eigene LieferketteDie Vorstellung, China müsse lediglich eine niederländische Maschine nachbauen, unterschätzt die Aufgabe. Ein Belichtungssystem vereint hochspezialisierte Optik, Lichtquellen, Präzisionsmechanik, Steuerung und Software. Für den Produktionsbetrieb kommen Verbrauchsmaterialien, Ersatzteile, Prüftechnik und qualifiziertes Servicepersonal hinzu. Eine Schwachstelle kann die Leistung des gesamten Systems begrenzen.Daraus folgt ein strengerer Maßstab für technologische Unabhängigkeit. Eine Anlage, die an einem chinesischen Standort zusammengebaut wird, ist nicht automatisch unabhängig von ausländischen Komponenten. Entscheidend wäre, ob sich kritische Teile dauerhaft beschaffen, in gleichbleibender Qualität fertigen und bei Ausfällen ersetzen lassen. Selbst eine erfolgreiche Erstmontage beantwortet diese Fragen noch nicht.Gelingt es chinesischen Maschinenbauern, ihre Systeme schrittweise in heimischen Fabriken zu etablieren, entsteht allerdings ein wichtiger Vorteil: praktische Rückmeldung. Jeder Einsatz kann zeigen, welche Komponenten verschleißen, welche Korrekturen erforderlich sind und wo Produktivität verloren geht. Diese Lernprozesse könnten langfristig schwerer wiegen als einzelne spektakuläre Demonstrationen. Voraussetzung bleibt, dass die Anlagen den Betrieb tatsächlich unterstützen und nicht dauerhaft durch unzuverlässige Ergebnisse belasten.Exportkontrollen gewinnen Zeit, nicht GewissheitDie Exportbeschränkungen haben den Zugang Chinas zu modernster Lithografietechnik erheblich erschwert. ASML bekräftigte im Juni 2026, niemals EUV-Systeme oder eigens dafür entwickelte Komponenten nach China geliefert zu haben. Das ist zugleich eine wichtige Grenze der Debatte: Ein chinesisches Entwicklungsprojekt ist nicht mit einer nachgewiesenen Lieferung vollständiger ASML-EUV-Anlagen gleichzusetzen.Strategisch lassen sich aus dieser Lage zwei unterschiedliche Wirkungen ableiten. Fehlender Zugang zu Spitzentechnik kann Fortschritte verzögern und die Kosten der Aufholjagd erhöhen. Zugleich wächst der Anreiz, eigene Lösungen zu finanzieren und heimische Lieferanten auch dann zu erproben, wenn deren Produkte zunächst weniger leistungsfähig sind.Daraus folgt weder, dass Exportkontrollen wirkungslos wären, noch, dass sie einen technologischen Vorsprung dauerhaft garantieren könnten. Ihr langfristiger Nutzen hängt auch davon ab, wie die gewonnene Zeit eingesetzt wird. Eine Industrie, die ihre eigenen Entwicklungsprogramme vernachlässigt, lässt sich nicht allein durch Beschränkungen für Wettbewerber absichern.ASML steht nicht vor dem ZusammenbruchDie aktuellen Geschäftszahlen passen jedenfalls nicht zum Bild eines Konzerns, dessen Position bereits zusammengebrochen wäre. Im zweiten Quartal 2026 erzielte ASML rund 9,3 Milliarden Euro Umsatz und 2,9 Milliarden Euro Nettogewinn. Im Juli hob das Unternehmen seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr auf 43 bis 45 Milliarden Euro an. Die Nachfrage wird wesentlich durch Investitionen in Rechenleistung und Speicher für künstliche Intelligenz getragen.Am 8. September 2026 begann ASML zudem mit dem Bau eines neuen Produktionscampus bei Eindhoven. Die erste Ausbaustufe soll bis 2029 zusätzliche Büros, Logistikflächen und Reinräume schaffen. Der Konzern erweitert damit seine industrielle Basis, statt sich auf die Verteidigung vorhandener Kapazitäten zu beschränken.Diese Entwicklung widerlegt chinesische Fortschritte nicht. Sie zeigt aber, weshalb zwei Zeithorizonte getrennt betrachtet werden müssen. Ein Unternehmen kann heute hohe Gewinne erzielen und zugleich vor einem ernsthaften langfristigen Wettbewerbsrisiko stehen. Umgekehrt ist ein potenzieller Konkurrent noch keine Erklärung für einen bereits eingetretenen Machtwechsel.Hinzu kommt, dass ASML seine Technik weiterentwickelt. Die High-NA-EUV-Generation vergrößert die numerische Apertur des optischen Systems von 0,33 auf 0,55 und ermöglicht eine höhere Auflösung. Sie soll besonders anspruchsvolle Strukturen mit weniger aufwendigen Prozessfolgen herstellen helfen. China arbeitet damit nicht auf ein unveränderliches Ziel hin: Während neue Anbieter frühere Hürden überwinden, verschiebt sich die technologische Spitze weiter.Woran sich der Durchbruch messen mussFür die weitere Entwicklung zählen deshalb weniger Ankündigungen als überprüfbare Ergebnisse. Entscheidend wäre zunächst, ob ein chinesisches EUV-System tatsächlich funktionsfähige Chips mit den vorgesehenen Eigenschaften herstellen kann. Danach müssten sich Qualität, Geschwindigkeit und Verfügbarkeit über längere Produktionsläufe bewähren. Schließlich wäre zu zeigen, dass sich solche Maschinen nicht nur einmal bauen, sondern wiederholt liefern und zuverlässig betreuen lassen.Erst dieses Gesamtbild würde einen belastbaren Vergleich mit ASML erlauben. Es müsste auch den Aufwand für Wartung, Verbrauchsmaterialien, Ersatzteile und Ausschuss berücksichtigen. Ein niedrigerer Kaufpreis wäre wenig wert, wenn eine Anlage häufiger ausfällt oder pro brauchbarem Chip wesentlich mehr Ressourcen verbraucht.Chinas Fortschritte sollten deshalb weder kleingeredet noch zum vollendeten Sieg erklärt werden. Eine technisch eigenständige Alternative könnte die Kräfteverhältnisse der Halbleiterindustrie verändern, auch ohne ASML sofort weltweit zu verdrängen. Ein großer Teil ihrer strategischen Wirkung läge bereits darin, chinesischen Herstellern eine verlässliche zweite Option zu verschaffen.Noch ist diese Option bei EUV nicht als kommerziell ausgereiftes Angebot belegt. Der eigentliche Haken liegt somit nicht hinter dem Durchbruch, sondern mitten darin: Zwischen einem Prototyp und industrieller Unabhängigkeit steht die Fähigkeit, Präzision dauerhaft in wirtschaftliche Produktion zu übersetzen. Für China ist das die nächste Bewährungsprobe. Für ASML wäre erst deren erfolgreiche Bewältigung der Beginn einer grundlegend anderen Wettbewerbslage.