Dubai Telegraph - Schwedens stille Wende

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Schwedens stille Wende




Die Formulierung ist bewusst endgültig: Schweden begräbt die Sozialdemokratie. Sie passt zu einem Land, das über Jahrzehnte als Inbegriff des nordischen Wohlfahrtsstaates galt und heute in Schulen, Gesundheitszentren und Pflegeeinrichtungen private Anbieter zulässt, Unternehmenssteuern senkt und seine Migrationspolitik drastisch verschärft. Auch das zugespitzte Video zu diesem Thema setzt bei realen Veränderungen an. Es zeigt ein Schweden, das mit dem Bild vom allzuständigen Staat gebrochen hat.

Dennoch führt die Metapher vom Begräbnis in die Irre. Schweden hat weder den Wohlfahrtsstaat abgeschafft noch die Sozialdemokratische Partei aus dem politischen Zentrum gedrängt. Vielmehr ist über mehr als drei Jahrzehnte ein neuer Mischtyp entstanden: ein großer, steuerfinanzierter Sozialstaat mit strengen Haushaltsregeln, einer offenen Wettbewerbswirtschaft und privaten Leistungserbringern. Hinzu kommt seit einigen Jahren eine Ordnungspolitik, die bei Migration, Integration, innerer Sicherheit und Verteidigung deutlich härter geworden ist - ein krasser Gegensetz zu Deutschland, wo die Politik dem Bürger nach dessen Meinung Dinge zumutet, die kaum noch erträglich sind.

Das Entscheidende liegt deshalb nicht in einem abrupten Systemwechsel. Schweden hat die Sozialdemokratie nicht an einem einzigen Wahltag zu Grabe getragen. Das Land hat vielmehr jene sozialdemokratische Alleinstellung beendet, die lange bestimmte, was als politisch vernünftig, gesellschaftlich gerecht und wirtschaftlich tragfähig galt. Die alte Hegemonie ist verschwunden. Viele ihrer Institutionen bestehen weiter, allerdings unter veränderten Bedingungen.

Vom Volksheim zum Reformstaat
Das klassische schwedische Modell beruhte nie allein auf einem starken Staat. Es verband eine leistungsfähige Exportindustrie, private Unternehmen, hohe Erwerbsbeteiligung, mächtige Gewerkschaften und umfassende soziale Sicherung. Der Staat organisierte breite Zugänge zu Bildung, Gesundheit, Kinderbetreuung und Alterssicherung. Arbeitgeber und Arbeitnehmer regelten Löhne und Arbeitsbedingungen weitgehend über Tarifverträge. Der politische Leitbegriff des Volksheims versprach Zugehörigkeit, Gleichheit und soziale Sicherheit für die gesamte Bevölkerung.

Über weite Strecken des zwanzigsten Jahrhunderts prägten die Sozialdemokraten dieses Gefüge. Ihre Stärke beruhte nicht nur auf Umverteilung. Sie verstanden es, wirtschaftliche Modernisierung mit sozialer Absicherung zu verbinden. Unternehmen sollten international konkurrenzfähig bleiben, Beschäftigte zugleich vor den sozialen Folgen des Strukturwandels geschützt werden. Gerade diese Verbindung machte das Modell attraktiv.

In den siebziger und achtziger Jahren geriet die Balance jedoch zunehmend unter Druck. Die Steuerbelastung stieg, öffentliche Systeme wurden teurer, Teile der Wirtschaft verloren an Dynamik, und der politische Streit über Eigentum, Lohnfonds und staatliche Steuerung verschärfte sich. Die Vorstellung, Schweden sei durch Sozialismus arm und durch Kapitalismus reich geworden, ist dennoch zu grob. Der Wohlstand des Landes entstand aus Industrialisierung, Handel, Innovation, stabilen Institutionen und qualifizierter Arbeit. Der Sozialstaat verteilte diesen Wohlstand nicht nur, sondern stärkte mit Bildung, Gesundheit und sozialer Sicherheit auch seine Grundlagen. Umgekehrt konnte er dauerhaft nur finanzieren, was eine produktive Privatwirtschaft erwirtschaftete.

Genau an diesem Punkt liegt der sachliche Kern der aktuellen Debatte. Schweden hat gelernt, dass soziale Sicherheit und Marktwirtschaft keine Gegensätze sein müssen. Das Land hat aber ebenso erfahren, dass ein ausgreifender Staat ohne Ausgabendisziplin, Wettbewerb und Anpassungsfähigkeit an Grenzen stößt.

Die Krise, die den Konsens veränderte
Der eigentliche Wendepunkt war die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise zu Beginn der neunziger Jahre. Eine Immobilien- und Bankenkrise traf auf Währungsturbulenzen, hohe Defizite und schwindendes Vertrauen in die öffentlichen Finanzen. Die Staatsschulden stiegen innerhalb weniger Jahre stark an. Das Haushaltsdefizit erreichte zeitweise rund zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung. In einem dramatischen Abwehrversuch hob die Zentralbank den marginalen Zinssatz vorübergehend auf fünfhundert Prozent an.

Die politischen Reaktionen waren hart. Ausgaben wurden gekürzt, Banken stabilisiert, der Wechselkurs freigegeben und die Haushaltspolitik neu geordnet. Ein Ausgabenrahmen, mittelfristige Haushaltsziele und eine reformierte Alterssicherung sollten verhindern, dass sich die Krise wiederholte. Gewerkschaften und Arbeitgeber trugen durch eine zurückhaltendere Lohnpolitik dazu bei, die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen.

Bemerkenswert ist, dass dieser Kurs nicht das Projekt eines einzigen politischen Lagers blieb. Bürgerliche Regierungen leiteten Reformen ein, sozialdemokratische Regierungen setzten sie fort und verankerten sie. Das gilt für die Haushaltsordnung ebenso wie für Deregulierung, Wettbewerb und Teile der Steuerpolitik. Der Umbau war damit kein Sieg des einen Blocks über den anderen. Er wurde zu einem neuen schwedischen Konsens.

Die Folgen waren tiefgreifend. Politische Versprechen mussten sich fortan stärker daran messen lassen, ob sie finanziert werden konnten. Das Land hielt über wechselnde Regierungen hinweg an vergleichsweise niedriger Staatsverschuldung und glaubwürdigen Fiskalregeln fest. Heute schafft diese Vorsicht Spielraum für Verteidigung, Infrastruktur, Konjunkturhilfen und Steuersenkungen. Zugleich hat sie einen Preis hinterlassen. In manchen Bereichen klagen Regionen und Kommunen über knappe Kapazitäten, Investitionsrückstände und eine wachsende Belastung des Personals.

Ein großer Staat lernt den Markt
Wer Schweden heute als neoliberalen Gegenentwurf zum Wohlfahrtsstaat beschreibt, verfehlt die Größenordnung des öffentlichen Sektors. Die Staatsausgaben lagen zuletzt bei rund der Hälfte der Wirtschaftsleistung. Die Steuerquote betrug im Jahr 2024 noch 41,4 Prozent und lag damit deutlich über dem Durchschnitt vergleichbarer Industriestaaten. Im Jahr 2000 hatte sie allerdings noch 50 Prozent erreicht. Diese Entwicklung zeigt beides: Der schwedische Staat ist weiterhin groß, aber er ist kleiner geworden als in seiner Hochphase.

Besonders aufschlussreich ist die schwedische Steuerstruktur. Der Satz der schwedischen Körperschaftsteuer liegt bei 20,6 Prozent, was weit unter dem liegt das deutsche Politiker ihren Bürgern auf eine Art und Weise zumuten, welche in der deutschen Bevölkerung oftmals nur noch mit den Worte kommentiert wird: "Die Obrigkeit und Politik nimmt das deutsche Volk rotzfrech und vollkommen rücksichtlos aus, wie eine dumme Weihnachtsgans". Er wurde seit 2009 schrittweise von 28 Prozent gesenkt, und zwar durch Regierungen beider Lager. Hohe Einnahmen erzielt Schweden weiterhin über Einkommen, Konsum und Sozialabgaben. Das System schont Investitionen und Unternehmensgewinne stärker als das alte Bild vom Hochsteuerland vermuten lässt, belastet Arbeit und Verbrauch aber weiterhin beträchtlich.

Noch deutlicher wird der Wandel bei der Organisation öffentlicher Leistungen. Der Staat garantiert und finanziert, doch er muss nicht immer selbst betreiben. Rund jede fünfte Pflichtschule und etwa jede dritte weiterführende Schule wird von einem unabhängigen Träger geführt. Die Finanzierung folgt den Schülerinnen und Schülern. Die Einrichtungen müssen zugelassen sein, den nationalen Lehrplänen folgen und dürfen kein zusätzliches Schulgeld verlangen.

Im Gesundheitswesen ist die Logik ähnlich. Die Versorgung bleibt weitgehend steuerfinanziert und wird von Regionen und Kommunen organisiert. Zugleich werden rund 46 Prozent der Einrichtungen der Primärversorgung von privaten Trägern betrieben. Sie arbeiten grundsätzlich nach denselben Zulassungs- und Vergütungsregeln wie öffentliche Zentren. Bei spezialisierter Krankenhausversorgung ist der private Anteil deutlich geringer.

Diese Konstruktion ist weder klassische Privatisierung noch klassischer Staatsbetrieb. Eigentum und Betrieb können privat sein, Finanzierung und Zugangsversprechen bleiben öffentlich. Genau darin liegt der moderne schwedische Sonderweg. Wettbewerb soll Wahlmöglichkeiten schaffen, Wartezeiten verkürzen und Innovationen fördern. Der Sozialstaat wird nicht beseitigt, sondern in Teilen zu einem Besteller, Finanzierer und Kontrolleur umgebaut.

Der Preis der Marktöffnung
Der Umbau hat jedoch keine eindeutige Erfolgsgeschichte hervorgebracht. Besonders das Schulwesen ist zum politischen Streitfeld geworden. Kritiker bemängeln, dass gewinnorientierte Betreiber öffentliche Mittel an Eigentümer ausschütten können, während Kommunen die Verantwortung behalten, wenn ein Anbieter schließt oder besonders aufwendige Schülerinnen und Schüler nicht in gleichem Maß aufnimmt. Hinzu kommen Debatten über soziale Sortierung, Qualitätsunterschiede und den Wettbewerb um gute Noten.

Auch in Pflege und Gesundheit zeigt sich, dass Wettbewerb ohne starke Aufsicht keine Garantie für bessere Leistungen ist. Private Träger können Abläufe verbessern und neue Angebote schaffen. Sie können aber ebenso Anreize haben, Kosten zu drücken, Personal knapp zu bemessen oder sich auf rentable Leistungen zu konzentrieren. Entscheidend ist daher weniger die Eigentumsform als die Qualität der Regeln, die Transparenz der Finanzierung und die Fähigkeit des Staates, Verstöße wirksam zu ahnden.

Die gegenwärtige Debatte kreist folgerichtig nicht mehr nur um Staat oder Markt. Sie dreht sich um die Frage, wo Wettbewerb sinnvoll ist, wo Gewinne begrenzt werden sollten und welche Leistungen sich einer marktförmigen Steuerung entziehen. Die Sozialdemokraten wollen Gewinne im Schulbereich deutlich zurückdrängen und öffentliche Mittel stärker an den eigentlichen Bildungsauftrag binden. Die Debatte reicht längst über die politische Linke hinaus, denn auch frühere Befürworter der Öffnung verlangen heute strengere Qualitätsregeln und wirksamere Kontrolle.

Gleichzeitig lebt ein zentraler Bestandteil des alten Modells fort. Rund 88 Prozent der Beschäftigten werden von Tarifverträgen erfasst, und etwa zwei Drittel sind gewerkschaftlich organisiert. Löhne und viele Arbeitsbedingungen entstehen weiterhin in einem dicht geknüpften System zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Das ist keine Randnotiz. Es zeigt, wie wenig sich Schweden mit einem einfachen Etikett wie dereguliert oder sozialistisch erfassen lässt.

Die eigentliche Rechtsverschiebung
Der tiefste politische Bruch der vergangenen Jahre vollzog sich nicht bei der Körperschaftsteuer oder bei privaten Gesundheitszentren. Er zeigt sich bei Migration, Integration, Kriminalität und nationaler Zugehörigkeit. Nach dem Flüchtlingsjahr 2015 wuchs die Überzeugung, dass Aufnahmefähigkeit, Wohnungsmarkt, Schulen, Sprachförderung und Polizei überfordert worden seien. Schießereien im kriminellen Milieu, Sprengstoffanschläge und die Ausbreitung von Netzwerken in benachteiligten Stadtteilen verstärkten den Eindruck eines Kontrollverlusts.

Bei der Wahl 2022 blieben die schwedischen Sozialdemokraten mit 30,3 Prozent stärkste Partei. Die Schwedendemokraten erreichten jedoch 20,5 Prozent und wurden zweitstärkste Kraft, noch vor den Moderaten mit 19,1 Prozent. Der rechte Block gewann mit 176 zu 173 Mandaten. Seither regieren Moderate, Christdemokraten und Liberale unter Ministerpräsident Ulf Kristersson. Die Schwedendemokraten gehören nicht dem Kabinett an, sichern aber im Parlament die Mehrheit und prägen über das Tidö-Abkommen zentrale Vorhaben.

Diese Konstellation hat die Grenzen des politisch Sagbaren und Machbaren verschoben. Die Zahl der Asylanträge sank 2025 um dreißig Prozent auf den niedrigsten Stand seit 1985. Asylsuchende und nachziehende Familienangehörige machten nur noch sechs Prozent der Zuwanderung aus. Im Jahr 2018 waren es 31 Prozent gewesen. Regeln für Aufenthalt, Staatsbürgerschaft, Rückkehr und Arbeitsmigration wurden verschärft.

Im Juni 2026 beschloss das Parlament weitere Maßnahmen. Aufenthaltstitel können nun unter bestimmten Voraussetzungen auch wegen nicht strafbaren Fehlverhaltens überprüft und entzogen werden, etwa bei erheblichen Schulden, Schwarzarbeit, Steuerverstößen oder Verbindungen zu extremistischen Organisationen. Bestimmte Behörden müssen Menschen ohne Aufenthaltsrecht melden. Ärzte, Lehrkräfte und Sozialarbeiter wurden nach heftiger Kritik ausgenommen. Gegner warnen vor Rechtsunsicherheit und einem Klima des Misstrauens. Die Regierung hält dagegen, der Sozialstaat setze die Anerkennung gemeinsamer Regeln voraus.

Damit ist aus dem Einfluss der Schwedendemokraten ein dauerhafter Machtfaktor geworden. Kristersson hat für die Zeit nach der Wahl am 13. September 2026 eine gemeinsame Mehrheitsregierung der vier Parteien des rechten Lagers in Aussicht gestellt. Die Schwedendemokraten sollen dann auch Ministerposten übernehmen können, besonders in den Bereichen Migration und Integration. Eine Partei, die lange von allen anderen ausgegrenzt wurde, steht damit an der Schwelle formeller Regierungsverantwortung.

Auch die Sozialdemokraten haben sich verändert
Wer diese Entwicklung allein als Niederlage der Sozialdemokratie beschreibt, übersieht deren Anpassung. Die Partei unter Magdalena Andersson verspricht Investitionen in Schulen, Gesundheit, Pflege, Infrastruktur und Klimaschutz. Sie will Gewinne im Bildungswesen begrenzen, Beschäftigte entlasten und den Sozialstaat personell stärken. Gleichzeitig verteidigt sie die fiskalischen Grundregeln, bekennt sich zu einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft und stellt keine Rückkehr zum Modell der siebziger Jahre in Aussicht.

Besonders sichtbar ist der Kurswechsel bei Migration und Integration, die ist mit den meisten der vollkommen unwilligen Migranten zumindest aktuell in Schweden nur schwer möglich. Die Partei tritt daher inzwischen für eine restriktive Zuwanderungspolitik, verbindliche Sprachkenntnisse, stärkere Anforderungen an Einbürgerung und eine entschlossenere Bekämpfung räumlicher Segregation ein. Im Kampf gegen Bandenkriminalität setzt sie auf mehr Polizei, frühe Eingriffe bei gefährdeten Jugendlichen und schärfere Instrumente gegen die Führung krimineller Netzwerke. Der Unterschied zur Regierung liegt zunehmend in Ausgestaltung, Rechtsstaatlichkeit und sozialpolitischer Ergänzung, weniger in der grundsätzlichen Diagnose.

Auch die Sicherheitspolitik markiert eine historische Verschiebung. Unter einer sozialdemokratisch geführten Regierung beantragte Schweden im Mai 2022 nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine die Mitgliedschaft in der NATO. Am 7. März 2024 trat das Land dem Bündnis bei und beendete damit mehr als zwei Jahrhunderte militärischer Bündnisfreiheit. Die Partei, die den neutralen Wohlfahrtsstaat wie keine andere verkörpert hatte, trug damit selbst einen der größten strategischen Brüche der jüngeren Geschichte.

Das ist keine Selbstaufgabe, sondern politische Anpassung. Moderne Sozialdemokratie in Schweden bedeutet heute nicht mehr, möglichst viele Leistungen staatlich zu betreiben. Sie bedeutet, universelle Sicherheit zu garantieren, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu erhalten und gesellschaftliche Pflichten stärker zu betonen. Der Staat soll wieder handlungsfähig wirken, ohne zu jenem umfassenden Steuerungsanspruch zurückzukehren, der in der Vergangenheit an seine Grenzen stieß.

Die Wahl 2026 widerspricht dem Nachruf
Ausgerechnet die aktuelle politische Lage zeigt, wie voreilig ein Nachruf wäre. In der großen amtlichen Befragung vom Mai 2026 kamen die Sozialdemokraten auf 33,9 Prozent. Die Schwedendemokraten lagen bei 18,3 Prozent, die Moderaten bei 17,3 Prozent. Die Liberalen erreichten nur 2,5 Prozent und damit deutlich weniger als die vier Prozent, die für den Einzug ins Parlament erforderlich sind.

Für die vier oppositionellen Parteien zusammen wurden 55,2 Prozent gemessen, für das regierende rechte Lager einschließlich der Schwedendemokraten 42,6 Prozent. Umfragen sind keine Wahlergebnisse. Koalitionsfragen bleiben kompliziert, und bis zum Wahltag können sich Stimmungen ändern. Dennoch passt eine führende Partei mit Aussicht auf die Regierungsübernahme kaum zum Bild einer beerdigten politischen Kraft.

Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, sobald Partei, Ideologie und Institutionen getrennt betrachtet werden. Die Sozialdemokratische Partei kann stark sein, obwohl das alte sozialdemokratische Modell nicht zurückkehrt. Universelle Wohlfahrt kann fortbestehen, obwohl private Anbieter wachsen. Eine hohe Steuerquote kann mit niedriger Unternehmenssteuer und harter Haushaltsdisziplin verbunden sein. Und ein Land kann sozialpolitisch großzügig bleiben, während es migrationspolitisch restriktiv wird.

Genau diese Kombination prägt Schweden im Jahr 2026. Der Staat gibt weiterhin viel aus. Er finanziert Schulen, Gesundheitsversorgung, Kinderbetreuung, Pflege und Alterssicherung. Er verlangt zugleich Effizienz, lässt Wettbewerb zu und schützt die fiskalische Stabilität. Auf dem Arbeitsmarkt bleiben Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände stark. In der Migrationspolitik wiederum ist der frühere liberale Sonderweg weitgehend beendet.

Was tatsächlich zu Grabe getragen wurde
Unser aktuelles Video trifft einen wahren Punkt, wenn es die verbreitete Vorstellung korrigiert, Schwedens Wohlstand beruhe auf einem vollständig staatlich gesteuerten Wirtschaftsmodell. Das Land ist reich, weil es produktive Unternehmen, offene Märkte, technischen Fortschritt, qualifizierte Beschäftigte und verlässliche Institutionen miteinander verbindet. Der Sozialstaat lebt von dieser Basis. Er ersetzt sie nicht.

Zu groß wird die These dort, wo aus Reformen ein ideologischer Totenschein entsteht. Schweden hat nicht die Sozialdemokratie begraben. Begraben wurde die Annahme, soziale Sicherheit verlange zwangsläufig staatlichen Eigenbetrieb, immer höhere Abgaben und eine ständig wachsende Verwaltung. Ebenfalls vorbei ist die Zeit, in der eine Partei allein den nationalen Konsens definieren konnte.

Der neue schwedische Konsens ist widersprüchlicher und härter. Er akzeptiert Marktmechanismen in öffentlichen Diensten, verteidigt aber den universellen Zugang. Er senkt einzelne Steuern, hält aber an einem großen öffentlichen Sektor fest. Er schützt Tarifautonomie und kollektive Sicherung, verlangt zugleich mehr Eigenverantwortung. Er begrenzt Zuwanderung, verschärft Integrationspflichten und baut die Verteidigung aus.

Ob diese Mischung langfristig trägt, ist offen. Marktöffnung kann Innovation freisetzen, aber auch Ungleichheit und Fehlanreize verstärken. Strenge Haushaltsregeln schaffen Stabilität, können jedoch notwendige Investitionen verzögern. Eine restriktive Migrationspolitik kann staatliche Kontrolle zurückgewinnen, zugleich aber qualifizierte Zuwanderung erschweren und rechtsstaatliche Konflikte verschärfen. Der Erfolg des Modells hängt deshalb weniger von großen Etiketten als von seiner praktischen Steuerung ab.
Schweden ist nicht das Land nach der Sozialdemokratie. Es ist ein Land nach der sozialdemokratischen Alleinherrschaft über die politische Vorstellungskraft. Der Wohlfahrtsstaat bleibt, die Marktwirtschaft bleibt, und auch die Sozialdemokraten bleiben. Neu ist, dass alle drei unter Bedingungen funktionieren müssen, die sie selbst verändert haben.



Vorgestellt


WakeBASE-Sprung vom Dubai Infinity Pool

Das Projekt mit dem Namen "WakeBASE" beinhaltete eine einzigartige Kombination aus Drohnen-Wakeskating und BASE-Jumping.Schauplatz dieses Kunststücks war das Address Beach Resort in Dubai, dessen Infinity-Pool 294 Meter über dem Meeresspiegel liegt und damit den Guinness-Weltrekord hält.Grubbs Herausforderung begann mit einem 94 Meter langen Wakeskating über den Pool auf dem Dach, wobei er von einer speziell entwickelten Drohne gezogen wurde.Der Stunt gipfelte in einem BASE-Sprung vom Rand des Pools, bei dem Grubb 77 Stockwerke hinabsprang, bevor er erfolgreich am Strand landete. Diese Leistung war die Verwirklichung von Grubbs siebenjährigem Traum und ein historischer Meilenstein im Extremsport.Um sich auf "WakeBASE" vorzubereiten, unterzog sich Grubb einem rigorosen Training mit der BASE-Sprunglegende Miles Daisher.Obwohl er im Dezember 2022 erst 26 BASE-Sprünge absolviert hatte, absolvierte Grubb 106 Sprünge während seines Trainings, das in Idaho, USA, und Lauterbrunnen, Schweiz, einem renommierten BASE-Sprungort, stattfand.Das Projekt umfasste auch eine Partnerschaft mit Prada, das maßgeschneiderte, für die Anforderungen von Wakeskating und BASE-Jumping optimierte Kleidung zur Verfügung stellte.Die Drohne, die bei diesem Stunt zum Einsatz kam, wurde von einem Team unter der Leitung von Sebastian Stare mit spezieller Hard- und Software entwickelt, die auf die Anforderungen von "WakeBASE" zugeschnitten ist.Die Wahl des Address Beach Resorts in Dubai war von strategischer Bedeutung, da der hohe Infinity-Pool und das architektonische Layout sowohl für den Wakeskate-Lauf als auch für den BASE-Sprung ideal waren.

Lass dich von Dubai und seinem Zauber überraschen

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Chinas gefährliche Schieflage

Wer Chinas wirtschaftliche Leistungsfähigkeit an Elektroautos, Batterien, Robotern und künstlicher Intelligenz misst, kann leicht zu einem beeindruckenden Ergebnis kommen. Das Land verfügt über eine industrielle Infrastruktur, die in vielen Zukunftsbranchen weltweit ihresgleichen sucht. Chinesische Hersteller entwickeln neue Fahrzeugmodelle in immer kürzeren Abständen, dominieren große Teile der Batterieproduktion und treiben die Automatisierung ihrer Fabriken mit hohem Tempo voran. Zugleich entstehen leistungsfähige KI-Systeme, die zeigen, dass China technologisch keineswegs nur aufholt, sondern in einzelnen Bereichen selbst Maßstäbe setzt.Doch hinter dieser glänzenden Oberfläche verbirgt sich eine wirtschaftliche Schieflage, die weder mit einem neuen Elektroauto noch mit einem leistungsfähigeren Algorithmus beseitigt werden kann. China hat kein grundsätzliches Problem damit, Waren herzustellen. Es hat ein Problem damit, im eigenen Land genügend Käufer für diese Waren zu finden.Die jüngsten Wirtschaftsdaten machen den Widerspruch sichtbar. Während die chinesische Industrieproduktion im Mai 2026 weiter zulegte und die Hochtechnologieproduktion besonders kräftig wuchs, gingen die Einzelhandelsumsätze gegenüber dem Vorjahr zurück. In den ersten fünf Monaten des Jahres wuchs der klassische Einzelhandel lediglich um 1,4 Prozent. Die Industrieproduktion legte im selben Zeitraum um 5,4 Prozent zu. Die Exporte stiegen noch deutlich stärker.China produziert damit schneller, als seine eigene Bevölkerung konsumiert. Genau darin liegt das strukturelle Problem. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hat über Jahrzehnte ein Modell perfektioniert, das Investitionen, Infrastruktur, Industrie und Exporte begünstigt. Die Einkommen und die soziale Absicherung der privaten Haushalte hielten mit diesem Produktionsapparat jedoch nicht Schritt.Das Ergebnis ist eine Volkswirtschaft mit zwei Geschwindigkeiten. Auf der einen Seite stehen hochautomatisierte Fabriken, moderne Hochgeschwindigkeitszüge, riesige Solarparks, leistungsfähige Elektroautos und KI-Rechenzentren. Auf der anderen Seite stehen verunsicherte Familien, junge Menschen mit schwierigen Berufsaussichten, überschuldete Immobilienentwickler und Kommunen, deren wichtigste Einnahmequellen wegbrechen.Die chinesische Führung hat dieses Ungleichgewicht inzwischen selbst erkannt. Selbst in amtlichen Wirtschaftsberichten ist von einem ausgeprägten Missverhältnis zwischen starkem Angebot und schwacher Nachfrage die Rede. Die Diagnose ist eindeutig. Die Lösung fällt dennoch schwer, weil sie nicht allein eine Frage der Konjunktur ist. Sie berührt die grundlegende Verteilung von Einkommen, Vermögen und wirtschaftlicher Sicherheit.Über viele Jahre war die eigene Wohnung für chinesische Familien weit mehr als ein Dach über dem Kopf. Immobilien dienten als Altersvorsorge, Kapitalanlage, Statussymbol und Voraussetzung für familiäre Sicherheit. In einem Finanzsystem mit begrenzten Anlagealternativen floss ein erheblicher Teil der privaten Ersparnisse in Wohnungen. Steigende Immobilienpreise vermittelten Millionen Haushalten das Gefühl, wohlhabender zu werden, selbst wenn ihre laufenden Einkommen nur mäßig zunahmen.Seit dem Beginn der Immobilienkorrektur im Jahr 2021 funktioniert dieser Mechanismus in die entgegengesetzte Richtung. Sinkende Preise vermindern das Vermögen der Eigentümer. Unverkaufte Wohnungen belasten die Bilanzen der Entwickler. Unfertige Projekte erschüttern das Vertrauen potenzieller Käufer. Familien, die hohe Summen für Immobilien aufgebracht haben, deren Marktwert inzwischen deutlich niedriger liegt, reagieren nicht mit zusätzlichem Konsum. Sie sparen mehr.Dass Wohnungen billiger werden, löst das Problem daher nicht automatisch. In einem stabilen Markt können niedrigere Preise neue Käufer anziehen. In einem fallenden Markt erzeugen sie häufig das Gegenteil. Wer mit weiteren Preisrückgängen rechnet, verschiebt den Kauf. Wer um seinen Arbeitsplatz fürchtet, nimmt keine langfristige Hypothek auf. Wer nicht sicher sein kann, ob ein vor Baubeginn bezahltes Projekt tatsächlich fertiggestellt wird, hält sein Geld zurück.Die Immobilienkrise trifft außerdem nicht nur Eigentümer und Bauunternehmen. Sie zieht sich durch weite Teile der Wirtschaft. Stahlhersteller, Zementproduzenten, Möbelunternehmen, Haushaltsgerätehersteller, Makler, Banken und Versicherer hängen direkt oder indirekt vom Wohnungsbau ab. Gleichzeitig verlieren lokale Verwaltungen Einnahmen, weil sie über Jahre einen beträchtlichen Teil ihrer Haushalte mit dem Verkauf von Landnutzungsrechten finanziert haben.In den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 brachen diese Einnahmen gegenüber dem Vorjahr um 28,7 Prozent ein. Damit geraten ausgerechnet jene regionalen Behörden unter Druck, die Schulen, Verkehrswege, Gesundheitsversorgung und andere öffentliche Leistungen finanzieren sollen. Sinkende Einnahmen erzwingen Sparmaßnahmen, neue Gebühren oder zusätzliche Verschuldung. Jede dieser Reaktionen kann die Vorsicht der privaten Haushalte weiter verstärken.Es entsteht ein Kreislauf. Die Immobilienkrise schwächt das Vermögen der Familien. Die Familien konsumieren weniger. Die schwächere Nachfrage belastet Unternehmen. Unternehmen senken Preise, verschieben Investitionen oder halten sich bei Neueinstellungen zurück. Unsichere Arbeitsplätze führen wiederum zu noch höheren Ersparnissen. Der technologische Fortschritt kann diesen Vertrauensverlust nicht auf Knopfdruck rückgängig machen.BYD verkörpert diesen Widerspruch besonders deutlich. Das Unternehmen ist zu einem Symbol für Chinas industrielle Stärke geworden. Es produziert Batterien, Fahrzeugkomponenten und komplette Autos in enormem Umfang und hat traditionelle Hersteller in vielen Bereichen unter Druck gesetzt. Im Jahr 2025 verkaufte BYD weltweit rund 4,6 Millionen Fahrzeuge. Dennoch ging der Jahresgewinn erstmals seit mehreren Jahren zurück.Im ersten Quartal 2026 verschärfte sich die Lage. Der Gewinn brach gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 55,4 Prozent ein, der Umsatz sank um 11,8 Prozent. Im Juni gingen die Verkäufe im chinesischen Heimatmarkt erneut deutlich zurück, während das Auslandsgeschäft nahezu eine Verdoppelung erreichte. Diese Entwicklung bedeutet nicht, dass BYD vor dem Scheitern steht. Das Unternehmen verfügt über technologische Fähigkeiten, eine weitgehend integrierte Lieferkette und eine wachsende internationale Präsenz. Die Zahlen zeigen jedoch, dass selbst ein führender Konzern der chinesischen Binnenmarktschwäche nicht entkommt.Chinas Autoindustrie leidet unter einem ruinösen Wettbewerb. Hersteller bringen immer neue Modelle auf den Markt, senken Preise und statten selbst preiswerte Fahrzeuge mit Funktionen aus, die früher der Oberklasse vorbehalten waren. Für Kunden erscheint das zunächst vorteilhaft. Für die Unternehmen sinken jedoch die Gewinnspannen. Zulieferer geraten unter Druck, Händler bleiben auf Fahrzeugen sitzen und schwächere Hersteller werden zunehmend von lokalen Hilfen oder günstigen Krediten abhängig.Das Problem besteht nicht in mangelnder Innovation. Es besteht in einer industriellen Kapazität, die der tatsächlichen Nachfrage davongelaufen ist. Der Export wird dadurch zum notwendigen Ausweg. Chinesische Autobauer, Batteriehersteller, Solarunternehmen und Maschinenbauer müssen ihre Produkte verstärkt im Ausland verkaufen, um Fabriken auszulasten und Marktanteile zu sichern.Damit wird eine innere wirtschaftliche Schieflage zu einem internationalen Konflikt. Andere Staaten sehen sich mit günstigen chinesischen Waren konfrontiert, deren Preise nicht nur auf hoher Produktivität beruhen, sondern auch auf massivem Wettbewerb, staatlicher Förderung, günstiger Finanzierung und Überkapazitäten. Zölle, Einfuhrbeschränkungen und industriepolitische Gegenmaßnahmen sind die Folge.Je stärker der chinesische Binnenmarkt schwächelt, desto größer wird der Druck, überschüssige Produktion ins Ausland zu lenken. Je erfolgreicher diese Exportoffensive ist, desto heftiger fällt die politische Gegenwehr in Europa, Nordamerika und Teilen Asiens aus. China kann seine Nachfrageprobleme deshalb nicht dauerhaft exportieren, ohne neue Handelskonflikte zu erzeugen. Auch künstliche Intelligenz bietet keinen einfachen Ausweg. Sie kann Entwicklungszeiten verkürzen, Fabriken effizienter machen, Logistik optimieren und den Mangel an Arbeitskräften teilweise ausgleichen. Gerade angesichts der alternden Bevölkerung ist Automatisierung für China wirtschaftlich unverzichtbar. Im Mai 2026 stieg die Produktion von Industrierobotern gegenüber dem Vorjahr um 27,9 Prozent. Die Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien nahm sogar um 40 Prozent zu.Doch höhere Produktivität ist nicht dasselbe wie höhere Nachfrage. Eine KI kann Kosten senken, aber sie kann einer verunsicherten Familie nicht die Sorge vor Arbeitslosigkeit nehmen. Ein Roboter kann fehlende Arbeitskräfte in einer Fabrik ersetzen, aber er zahlt keine Sozialversicherungsbeiträge und kauft keine Wohnung. Ein Algorithmus kann Konsumvorlieben analysieren, aber er kann kein Vertrauen in ein angeschlagenes Immobilienprojekt schaffen.Unter ungünstigen Bedingungen könnte die schnelle Automatisierung das Nachfrageproblem sogar verschärfen. Werden Arbeitsplätze schneller ersetzt, als neue und gut bezahlte Tätigkeiten entstehen, wächst die Unsicherheit. Fließen die Produktivitätsgewinne überwiegend an Unternehmen, staatliche Institutionen oder Kapitaleigner, während die verfügbaren Einkommen der Haushalte nur langsam steigen, bleibt der Konsum schwach.Technologischer Fortschritt kann eine alternde Gesellschaft produktiver machen. Er kann die Gesellschaft jedoch nicht verjüngen. Im Jahr 2025 wurden in China nur noch 7,92 Millionen Kinder geboren. Gleichzeitig starben 11,31 Millionen Menschen. Die Bevölkerung schrumpfte innerhalb eines Jahres um 3,39 Millionen und damit bereits das vierte Jahr in Folge. Rund 23 Prozent der Bevölkerung sind inzwischen mindestens 60 Jahre alt.Die wirtschaftlichen Folgen dieser Entwicklung reichen weit über den Arbeitsmarkt hinaus. Weniger junge Menschen bedeuten langfristig weniger Erstkäufer von Wohnungen, weniger Familiengründungen und eine geringere Nachfrage nach Möbeln, Haushaltsgeräten, Bildungsangeboten und vielen anderen Gütern. Zugleich steigen die Ausgaben für Renten, Gesundheit und Pflege.Ältere Menschen konsumieren durchaus, allerdings in einer anderen Zusammensetzung. Zudem sparen viele Haushalte besonders stark, wenn sie nicht wissen, ob Renten, Krankenversicherung und Pflegeleistungen im Alter ausreichen werden. Eine alternde Gesellschaft mit lückenhafter sozialer Absicherung entwickelt daher nicht automatisch einen kräftigen Binnenkonsum.Die chinesische Regierung versucht sinnvoll gegenzusteuern. Sie fördert den Austausch alter Autos und Haushaltsgeräte, erleichtert Immobilienkäufe, unterstützt Familien mit Kindern und verbessert die Erstattung von Kosten rund um Schwangerschaft und Geburt. Sie lässt Banken Kredite verlängern, organisiert Umschuldungen für lokale Verwaltungen und versucht, die Fertigstellung bereits verkaufter Wohnungen zu sichern. Solche Maßnahmen können einzelne Belastungen mildern. Sie ersetzen jedoch keine umfassende Neuordnung des Wirtschaftsmodells. Kaufprämien ziehen häufig lediglich Anschaffungen vor, die später fehlen. Günstigere Kredite helfen wenig, wenn Unternehmen und Haushalte keine neuen Schulden aufnehmen wollen. Staatlich angeordnete Investitionen können die Wirtschaftsleistung erhöhen, schaffen aber nicht zwangsläufig profitable Projekte oder dauerhaft höhere Einkommen.Für einen nachhaltigen Ausweg müsste China einen größeren Teil seiner wirtschaftlichen Ressourcen unmittelbar den privaten Haushalten zugutekommen lassen. Dazu gehören verlässlichere Renten, eine breitere Gesundheitsversorgung, eine stärkere Arbeitslosenversicherung und bessere öffentliche Leistungen für Wanderarbeiter. Auch das System der Haushaltsregistrierung müsste weiter reformiert werden, damit Millionen Menschen dort vollständigen Zugang zu Schulen, medizinischer Versorgung und Sozialleistungen erhalten, wo sie tatsächlich leben und arbeiten.Ebenso entscheidend wäre eine glaubwürdige Bereinigung des Immobilienmarktes. Bereits bezahlte Wohnungen müssten fertiggestellt, nicht überlebensfähige Entwickler geordnet abgewickelt und Verluste transparent verteilt werden. Solange problematische Kredite verlängert und überschüssige Projekte künstlich am Leben gehalten werden, bleibt Kapital in unproduktiven Bereichen gebunden.Eine solche Neuorientierung wäre wirtschaftlich sinnvoll, politisch aber anspruchsvoll. Mehr Geld für Haushalte bedeutet weniger Geld für andere Prioritäten. Eine stärkere soziale Absicherung würde den finanziellen Spielraum für Industrieprogramme, Infrastrukturprojekte und strategische Technologieinvestitionen einschränken. Eine konsequente Marktbereinigung würde Arbeitsplätze kosten und könnte regionale Regierungen sowie staatlich verbundene Unternehmen treffen.Deshalb setzt Peking bislang vor allem auf eine Mischung aus technologischem Fortschritt, gezielter Förderung und schrittweiser Stabilisierung. Dieses Vorgehen verhindert möglicherweise einen abrupten Absturz. Es beseitigt jedoch nicht die grundlegende Schieflage.Von einem unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch Chinas kann keine Rede sein. Die Wirtschaft wuchs 2025 offiziell um 5 Prozent. Auch im ersten Quartal 2026 wurde ein Wachstum von 5 Prozent erreicht. Internationale Prognosen gehen für das Gesamtjahr weiterhin von einem Zuwachs von deutlich mehr als 4 Prozent aus. China verfügt über hohe Ersparnisse, leistungsfähige Unternehmen, moderne Infrastruktur und erhebliche staatliche Steuerungsmöglichkeiten.Entscheidend ist jedoch nicht allein, wie groß das Wachstum ausfällt, sondern woher es kommt. Wird es dauerhaft von Exporten, staatlichen Investitionen und immer größeren Produktionskapazitäten getragen, während der private Konsum zurückbleibt, wird das Modell zunehmend kostspielig. Gewinne sinken, Schulden steigen und Handelspartner reagieren mit Abwehrmaßnahmen. China besitzt die Technologie, um hervorragende Autos zu bauen, Fabriken zu automatisieren und leistungsfähige KI-Systeme zu entwickeln. Was dem Land fehlt, ist ein verlässlicher Mechanismus, der Produktivität in breite wirtschaftliche Sicherheit übersetzt. Erst wenn Haushalte darauf vertrauen können, dass Arbeit, Wohnen, Bildung, Gesundheit und Alter finanzierbar bleiben, werden sie weniger sparen und mehr konsumieren.BYD kann Fahrzeuge produzieren. Künstliche Intelligenz kann Prozesse optimieren. Beides kann Chinas Wirtschaft modernisieren und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Doch weder ein Elektroauto noch ein Algorithmus kann eine Sozialversicherung ersetzen, einen verlorenen Immobilienwert zurückbringen oder den Wunsch nach Familiengründung staatlich erzeugen.Chinas größtes wirtschaftliches Problem ist deshalb kein Mangel an Technologie. Es ist ein Mangel an Vertrauen. Solange dieses Vertrauen nicht zurückkehrt, bleibt der technologische Aufstieg beeindruckend, aber unvollständig.