Dubai Telegraph - Chameneis Tod: Machtfrage

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Chameneis Tod: Machtfrage




Der Tod von Ajatollah Ali Chamenei markiert den gravierendsten Machtbruch in der Islamischen Republik seit der Revolution von 1979 – und er fällt in einen Moment maximaler Eskalation nach schweren Militärschlägen gegen Ziele in Iran. Während in Teilen des Landes Trauer zeremoniell organisiert wird, wächst zugleich die Nervosität: Wer trifft jetzt Entscheidungen über Krieg und Frieden, über Sicherheitsapparat und Atomprogramm, über Repression oder Öffnung? Formell ist die Antwort klar – praktisch steht Iran vor einem Stresstest, der das System bis in die Grundpfeiler hinein erschüttern kann.

Was gesichert ist – und warum die Lage trotzdem unübersichtlich bleibt
Chamenei wurde nach offiziellen Bestätigungen in Teheran bei einem Angriff in der Hauptstadt getötet. Der Schlag traf einen der am stärksten gesicherten Machtorte des Landes. In den ersten Stunden nach dem Angriff herrschte Unklarheit über seinen Zustand; kurz darauf folgte die Bestätigung seines Todes. Parallel hatten die USA und Israel die Operation politisch als Teil einer breiten militärischen Kampagne begründet, die auf das iranische Machtzentrum, militärische Infrastruktur und strategische Fähigkeiten zielt.

Iran reagierte mit Vergeltungsschlägen und kündigte weitere Reaktionen an. Gleichzeitig wurde – ebenfalls offiziell – eine landesweite Trauerzeit ausgerufen und das öffentliche Leben für mehrere Tage in einen Ausnahmezustand versetzt. Schon diese Gleichzeitigkeit zeigt das Dilemma: Der Staat muss nach innen „Kontinuität“ demonstrieren, während er nach außen in einem hochriskanten Konflikt steht.

Wer „herrscht“ jetzt – die formelle Übergangsführung
Verfassungsrechtlich ist der Übergang geregelt. Bis zur Wahl eines neuen Obersten Führers übernimmt ein dreiköpfiger Übergangsrat die Aufgaben des Amtes. Er besteht aus:
- dem amtierenden Präsidenten,
- dem Chef der Justiz,
- sowie einem islamischen Rechtsgelehrten aus dem Wächterrat, der durch den Schlichtungsrat bestimmt wird.

Dieses Gremium soll „vorübergehend alle Aufgaben des Führers“ ausüben. Wichtig ist dabei ein oft übersehener Punkt: Für zentrale, strategische Kompetenzen – insbesondere solche, die die Grundlinien der Politik, Referenden, die Mobilisierung der Streitkräfte oder zentrale Personalentscheidungen in den Sicherheitsstrukturen berühren – sind zusätzliche Hürden eingebaut. Die Übergangsführung kann in diesen Feldern nicht einfach frei agieren, sondern benötigt eine besonders hohe Zustimmung innerhalb des Schlichtungsrats. Das bedeutet: In der heikelsten Phase wandert faktisch ein Teil der Entscheidungsmacht zu einem weiteren, nicht gewählten Machtzentrum.

In der Praxis wird damit kurzfristig vor allem verwaltet: Krisenkommunikation, Sicherung der Befehlsketten, Schutz von Schlüsselpersonen, Stabilisierung der Versorgung und Kontrolle potenziell explosiver Stimmungslagen – in einer Situation, in der Luftangriffe, Raketenalarm, Infrastruktur-Schäden und regionale Unsicherheiten zugleich wirken.

Wer wählt den neuen Obersten Führer – und wie „offen“ ist das wirklich?
Die Wahl des neuen Obersten Führers liegt beim Expertenrat (Assembly of Experts), einem Gremium aus schiitischen Geistlichen, das turnusmäßig gewählt wird. Der Expertenrat ist jedoch kein Parlament im westlichen Sinn, sondern Teil eines streng gefilterten Systems: Kandidaturen werden vorab geprüft, und ein erheblicher Teil der politischen Konkurrenz wird regelmäßig ausgeschlossen.

Die Verfassung verlangt, dass die Experten „so schnell wie möglich“ einen neuen Führer bestimmen. In der Realität bleibt das Verfahren dennoch schwer durchschaubar: Beratungen finden hinter verschlossenen Türen statt, informelle Machtverhältnisse – Loyalitäten, Sicherheitsapparat, Klerusnetzwerke, wirtschaftliche Interessen – spielen eine übergroße Rolle. Entscheidend ist nicht nur, wer die religiösen und juristischen Kriterien erfüllt, sondern wer im Machtgefüge genügend Rückhalt besitzt, um die Sicherheitsarchitektur, die Elitefraktionen und die Patronage-Systeme zusammenzuhalten.

Dass dieser Prozess bislang nur einmal in der Geschichte der Islamischen Republik in vergleichbarer Tragweite stattfand (nach 1989), erhöht die Unsicherheit. Denn damals gab es zwar Rivalitäten, aber keinen gleichzeitigen militärischen Großkonflikt dieser Intensität und keinen vergleichbaren Grad an gesellschaftlicher Erschöpfung nach wiederholten Protestwellen.

Das Machtzentrum hinter dem Amt: Warum die Revolutionsgarden jetzt entscheidend sind? Der Oberste Führer ist im System nicht nur religiöse Leitfigur, sondern – ganz praktisch – der Knotenpunkt, über den zentrale Posten, strategische Leitlinien und militärische Oberhoheit laufen. Chamenei hat dieses System über Jahrzehnte so geprägt, dass sicherheitsstaatliche Strukturen enorm an Gewicht gewonnen haben.

In einer Übergangsphase wächst damit die Bedeutung derjenigen, die:
- Waffen und Geheimdienste kontrollieren,
- Kommunikations- und Sicherheitsnetze steuern,
- und in Krisenzeiten „Stabilität“ definieren.

Hier stehen vor allem die Revolutionsgarden (IRGC) im Zentrum. Sie sind Militärmacht, Wirtschaftsakteur, Nachrichtendienstnetzwerk und politischer Türsteher zugleich. Selbst wenn die Verfassung einen Übergangsrat vorsieht: Ohne die aktive Kooperationsbereitschaft der Sicherheitsapparate lässt sich im Iran nichts dauerhaft regieren. Und in einer Situation von Krieg und möglicher innerer Unruhe wächst ihre Fähigkeit, „Fakten“ zu schaffen – von der Kontrolle des öffentlichen Raums bis zur Durchsetzung der Informationshoheit.

Was Chameneis Tod politisch auslöst: Drei Konfliktlinien

1) Kontinuität vs. Neuordnung im Inneren
Ein Teil des Establishments wird alles daran setzen, den Eindruck nahtloser Kontinuität zu erzeugen: gleiche Doktrin, gleiche Sicherheitslogik, gleiche außenpolitische Grundlinien. Andere Akteure könnten die Lage nutzen, um Rivalen auszuschalten oder Zuständigkeiten neu zu verteilen.

2) Dynastie-Verdacht vs. System-Legitimität
Besonders brisant ist die Frage, ob der Übergang als „erbähnlich“ wahrgenommen wird. In den Debatten der letzten Jahre tauchte immer wieder die Sorge auf, dass eine faktische Vater-zu-Sohn-Logik den ohnehin angekratzten Legitimationsanspruch des Systems weiter untergraben könnte – gerade bei einem Land, das offiziell eine „Republik“ sein will.

3) Außenpolitischer Ausnahmezustand vs. innenpolitische Zerreißprobe
Krisen von außen werden in Teheran traditionell genutzt, um nach innen Disziplin zu erzwingen. Gleichzeitig können militärische Schläge, wirtschaftliche Verwerfungen, Trauerinszenierung und gesellschaftlicher Druck auch das Gegenteil bewirken: neue Proteste, neue Fraktionskämpfe, neue Absetzbewegungen – bis hinein in lokale Strukturen.

Welche Namen als Nachfolger gehandelt werden – und was sie jeweils bedeuten würden. Auch wenn am Ende nur der Expertenrat entscheidet, werden im Umfeld des Systems mehrere Typen von Kandidaten diskutiert. Dabei geht es weniger um „Beliebtheit“ in der Bevölkerung, sondern um Machtfähigkeit innerhalb des Apparats:

Der „Kontinuitäts-Kandidat“ aus dem inneren Machtzirkel
Ein Kandidat, der das bestehende Modell praktisch fortsetzt: harte Sicherheitslinie, enge Verzahnung mit den Revolutionsgarden, geringe Reformbereitschaft. Solche Figuren haben häufig die besten Verbindungen in die Netzwerke, die im Alltag die Macht tragen.

Der „System-Manager“ mit Verwaltungsprofil
Ein Kandidat, der stärker über administrative Erfahrung definiert wird – nicht zwingend moderat, aber handlungsfähig im staatlichen Betrieb und mit enger Bindung an Justiz, Sicherheitsrat und Institutionen. In einer Kriegslage kann diese Managerlogik attraktiv wirken: Krisensteuerung, Zentralisierung, Disziplin.

Der „Klerus-institutionelle Kandidat“
Ein Kandidat aus den religiösen Bildungs- und Aufsichtsstrukturen (Seminarsystem, Wächterrat, Expertenrat), der vor allem die religiös-rechtliche Legitimation des Amtes absichern soll. Diese Option kann für Teile des Klerus wichtig sein, weil das System sonst Gefahr läuft, als rein militärisch-sicherheitsstaatlich wahrgenommen zu werden.

Unter den konkret genannten Personen werden – je nach Lager und Lesart – immer wieder auch folgende Rollen und Profile diskutiert:
Mojtaba Chamenei, Geistlicher und Sohn des verstorbenen Obersten Führers, dem seit Jahren Einfluss in sicherheitsnahen Netzwerken zugeschrieben wird. Seine mögliche Rolle gilt als besonders heikel, weil sie den Eindruck einer dynastischen Übergabe wecken könnte.

1) Sadegh Amoli Larijani, ein hochrangiger Kleriker und Vorsitzender des Schlichtungsrats, der institutionell in einem der entscheidenden Machtgremien sitzt. Alireza Arafi, mit starker Stellung im religiösen Bildungsapparat und Verbindungen zu zentralen Institutionen.

2) Mohsen Araki sowie weitere hochrangige Kleriker aus dem Expertenrat-Umfeld, die den „klassischen“ Weg der Systemelite verkörpern.

3) Hashem Hosseini Bushehri und Mohsen Qomi, die als vernetzte Funktionäre innerhalb des religiös-politischen Apparats gelten.

Eine wichtige Leerstelle bleibt: Der zuvor oft als möglicher Nachfolger betrachtete Ex-Präsident Ebrahim Raisi kommt nicht mehr in Betracht – er starb 2024 bei einem Hubschrauberunglück. Dadurch ist die Nachfolgefrage noch stärker in Richtung eines engeren Klerus- und Sicherheitszirkels gerückt.

Und die Opposition? Warum „Wer herrscht?“ nicht nur eine Verfassungsfrage ist
Während das System intern sortiert, treten auch außerhalb Irans – und innerhalb oppositioneller Milieus – unterschiedliche Stimmen mit konkurrierenden Zukunftsentwürfen hervor: von republikanisch-säkularen Projekten bis zu monarchisch geprägten Symbolen der Exilpolitik. Für den tatsächlichen Machtübergang im Land sind diese Akteure jedoch nur dann relevant, wenn sich innerhalb Irans selbst Brücken bilden: zu Teilen des Staatsapparats, zu Sicherheitskräften, zu regionalen Netzwerken.

Der entscheidende Faktor bleibt deshalb: Wie geschlossen bleiben Revolutionsgarden, Polizei, Geheimdienste und die administrative Hierarchie? Je geschlossener, desto wahrscheinlicher eine „geordnet-kontrollierte“ Nachfolge. Je mehr Brüche, desto größer das Risiko eines Machtkampfs – und desto größer die Chance für eine unvorhersehbare Dynamik.

Internationale Dimension: Europa drängt auf Diplomatie – während die Region kippt
Auch international ist die Lage doppelt geladen: Einerseits geht es um die unmittelbare militärische Eskalation und ihre Risiken für die gesamte Region – bis hin zu Luftverkehr, Energie- und Sicherheitsfragen. Andererseits steht die Frage im Raum, ob und wie ein Iran ohne Chamenei künftig aufgestellt ist.

Mehrere europäische Spitzenpolitiker drängen öffentlich darauf, Gespräche wieder aufzunehmen und auf eine verhandelte Lösung zu setzen. Zugleich betonen sie, nicht Teil der Angriffe gewesen zu sein. Das Ziel ist klar: eine weitere Ausweitung des Konflikts verhindern – und zugleich eine nuklearpolitische Eskalation vermeiden, die ohne stabilen iranischen Entscheidungskern noch schwerer kontrollierbar wäre.

Was als Nächstes kommt: Ein Zeitfenster voller Risiken
In den kommenden Tagen entscheidet sich, ob das System den Übergang als kontrollierte Kontinuität inszenieren kann – oder ob sich die Machtfrage als Kampf entlädt:

- Kurzfristig: Stabilisierung der Befehlsketten, Sicherung von Schlüsselorten, Kontrolle der Informationsräume, Management der Vergeltungsschläge und möglicher weiterer Angriffe.

- Mittelfristig: Einberufung des Expertenrats, Auswahl eines Kandidaten, Absicherung durch Wächterrat- und Schlichtungsratstrukturen, Positionierung der Revolutionsgarden.

- Politisch entscheidend: Ob das Ergebnis als „legitim“ verkauft werden kann – oder ob es neue Protestwellen, innere Spaltungen und eine dauerhafte Erosion der Herrschaft auslöst.

Chameneis Tod ist damit nicht nur das Ende einer Ära, sondern der Beginn einer Phase, in der die Islamische Republik unter maximalem Druck zeigen muss, ob sie ohne ihren jahrzehntelangen Fixpunkt funktionsfähig bleibt. Wer jetzt „herrscht“, ist formal beantwortet – doch wer am Ende wirklich die Richtung vorgibt, entscheidet sich in einem Machtkampf zwischen Institutionen, Sicherheitsapparat und einer Gesellschaft, die in den letzten Jahren immer wieder ihre Grenzen der Zumutbarkeit markiert hat.



Vorgestellt


WakeBASE-Sprung vom Dubai Infinity Pool

Das Projekt mit dem Namen "WakeBASE" beinhaltete eine einzigartige Kombination aus Drohnen-Wakeskating und BASE-Jumping.Schauplatz dieses Kunststücks war das Address Beach Resort in Dubai, dessen Infinity-Pool 294 Meter über dem Meeresspiegel liegt und damit den Guinness-Weltrekord hält.Grubbs Herausforderung begann mit einem 94 Meter langen Wakeskating über den Pool auf dem Dach, wobei er von einer speziell entwickelten Drohne gezogen wurde.Der Stunt gipfelte in einem BASE-Sprung vom Rand des Pools, bei dem Grubb 77 Stockwerke hinabsprang, bevor er erfolgreich am Strand landete. Diese Leistung war die Verwirklichung von Grubbs siebenjährigem Traum und ein historischer Meilenstein im Extremsport.Um sich auf "WakeBASE" vorzubereiten, unterzog sich Grubb einem rigorosen Training mit der BASE-Sprunglegende Miles Daisher.Obwohl er im Dezember 2022 erst 26 BASE-Sprünge absolviert hatte, absolvierte Grubb 106 Sprünge während seines Trainings, das in Idaho, USA, und Lauterbrunnen, Schweiz, einem renommierten BASE-Sprungort, stattfand.Das Projekt umfasste auch eine Partnerschaft mit Prada, das maßgeschneiderte, für die Anforderungen von Wakeskating und BASE-Jumping optimierte Kleidung zur Verfügung stellte.Die Drohne, die bei diesem Stunt zum Einsatz kam, wurde von einem Team unter der Leitung von Sebastian Stare mit spezieller Hard- und Software entwickelt, die auf die Anforderungen von "WakeBASE" zugeschnitten ist.Die Wahl des Address Beach Resorts in Dubai war von strategischer Bedeutung, da der hohe Infinity-Pool und das architektonische Layout sowohl für den Wakeskate-Lauf als auch für den BASE-Sprung ideal waren.

Lass dich von Dubai und seinem Zauber überraschen

Lass dich von Dubai und seinem Zauber überraschen

Chinas Angriff auf ASML

China macht Fortschritte beim Aufbau eigener Maschinen für die Chipfertigung. Doch ein EUV-Prototyp ist noch kein Ersatz für die Anlagen des niederländischen Marktführers. Entscheidend ist nicht allein, ob die Technik funktioniert, sondern ob sie zuverlässig und wirtschaftlich produziert.Kaum ein Unternehmen verkörpert die technologische Abhängigkeit der chinesischen Halbleiterindustrie so deutlich wie ASML. Der niederländische Konzern liefert die Maschinen, mit denen sich besonders anspruchsvolle Strukturen moderner Computerchips in industriellen Stückzahlen fertigen lassen. Seine EUV-Anlagen sind deshalb weit mehr als Investitionsgüter: Sie stehen im Zentrum eines Wettbewerbs um wirtschaftliche Macht, künstliche Intelligenz und technologische Eigenständigkeit.China will diese Abhängigkeit überwinden. Fortschritte bei eigenen Belichtungssystemen machen das Vorhaben greifbarer. Die Behauptung, ASMLs schlimmster Albtraum sei bereits Wirklichkeit geworden, geht allerdings zu weit. Ein ernst zu nehmender Herausforderer entsteht nicht mit dem ersten gelungenen Experiment. Er entsteht, wenn Kunden dessen Maschinen dauerhaft in ihre Fertigung integrieren können. Genau dort liegt der Haken hinter Chinas vermeintlichem Triumph.Der Prototyp und die entscheidende LückeIn Shenzhen soll Anfang 2025 ein chinesischer EUV-Prototyp fertiggestellt worden sein, der entsprechendes Licht erzeugen konnte. Ende 2025 hatte die Anlage jedoch noch keine funktionsfähigen Chips hergestellt. Als Entwicklungsziel wurde 2028 genannt; zugleich stand 2030 als vorsichtigere Einschätzung im Raum. Beide Jahreszahlen bezeichnen Erwartungen, keine erreichte Serienreife.Der Unterschied ist fundamental. Ein Versuchsaufbau kann zeigen, dass bestimmte technische Komponenten zusammenarbeiten. Eine Produktionsmaschine muss dagegen unter wechselnden Bedingungen berechenbare Ergebnisse liefern. Sie muss präzise bleiben, Wartungsintervalle überstehen und nach einem Eingriff wieder dieselbe Qualität erreichen. Ihre Leistungsfähigkeit bemisst sich nicht an einem besonders gelungenen Test, sondern an einer langen Folge reproduzierbarer Ergebnisse.Auch erste funktionsfähige Chips wären deshalb noch kein Beweis für wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit. Eine Fabrik braucht nicht nur einzelne erfolgreiche Bauteile. Sie braucht eine ausreichend hohe Ausbeute, also einen tragfähigen Anteil einwandfreier Chips an der gesamten Produktion. Bleibt dieser Anteil zu niedrig, verteilen sich die Herstellungskosten auf zu wenige verkäufliche Produkte. Eine technisch beeindruckende Anlage kann dadurch wirtschaftlich unbrauchbar bleiben.Warum das Licht allein nicht genügtEUV steht für extrem ultraviolette Strahlung. Die Lithografie arbeitet dabei mit einer Wellenlänge von 13,5 Nanometern. In ASMLs Systemen treffen leistungsstarke Laserpulse auf winzige Zinntropfen. Das entstehende Plasma emittiert das benötigte Licht, mit dem sich über eine strukturierte Maske feinste Muster auf eine lichtempfindliche Schicht des Siliziumwafers übertragen lassen.Doch dieses Licht lässt sich nicht wie in einem gewöhnlichen optischen Gerät durch Glaslinsen führen. Bereits Luft absorbiert die Strahlung. Der Strahlengang muss daher im Vakuum liegen; hochpräzise Mehrschichtspiegel übernehmen die optische Führung. Lichtquelle, Spiegel, Maske und die Positionierung des Wafers müssen als ein einziges System funktionieren.An dieser Stelle beginnt die eigentliche industrielle Schwierigkeit. Wärme verändert die Eigenschaften optischer Komponenten. Winzige Verschiebungen können die Deckung aufeinanderfolgender Strukturen beeinträchtigen. Verunreinigungen und Abbildungsfehler können Defekte verursachen. Sensoren, Messverfahren und Korrektursoftware müssen solche Einflüsse erkennen und ausgleichen. Es reicht nicht, jede Baugruppe für sich zu beherrschen; die Präzision muss im laufenden Betrieb erhalten bleiben.ASMLs Vorsprung besteht somit nicht nur aus einem Bauplan. Er steckt ebenso in Fertigungsprozessen, Messdaten, Wartungserfahrung und der Abstimmung mit den Chipproduzenten. Wer eine vergleichbare Anlage entwickeln will, muss dieses Zusammenspiel aufbauen. Gerade Erfahrungen aus dem Fabrikbetrieb lassen sich nicht vollständig durch zusätzliche Laborversuche ersetzen.Der nähere Angriff erfolgt über DUVNeben dem EUV-Projekt gewinnt Chinas Entwicklung eigener DUV-Anlagen an Bedeutung. Huawei unterstützt den Aufbau heimischer Ausrüstung und Zulieferer. Das Unternehmen Yuliangsheng arbeitet an entsprechenden Belichtungssystemen, die bei chinesischen Chipproduzenten erprobt werden. Für Ende 2026 steht das Ziel von zwölf Maschinen im Raum. Zugleich bleiben chinesische Hersteller in erheblichem Umfang auf ASML-Technik angewiesen.DUV und EUV dürfen dabei nicht verwechselt werden. Moderne ArF-DUV-Systeme nutzen Licht mit einer Wellenlänge von 193 Nanometern. Durch aufwendige Mehrfachstrukturierung lassen sich damit wesentlich feinere Strukturen erzeugen, als eine einzelne Belichtung erlauben würde. Ein komplexes Muster wird dazu in mehrere einfachere Muster zerlegt, deren Übertragung und weitere Verarbeitung sorgfältig aufeinander abgestimmt werden müssen.Dieser Weg eröffnet technische Möglichkeiten, verlangt aber zusätzliche Prozessschritte und besonders genaue Ausrichtung. Die höhere Komplexität kann die Fertigungsdauer verlängern, Kosten steigern und weitere Fehlerquellen schaffen. Ob das Verfahren wirtschaftlich trägt, hängt vom konkreten Chip und vom beherrschten Produktionsprozess ab. Die Existenz eines leistungsfähigen Prozessors verrät daher noch nicht, wie teuer oder aufwendig seine Herstellung war.Für ASML könnte ein konkurrenzfähiges chinesisches DUV-Angebot dennoch früher spürbar werden als ein EUV-Konkurrent. DUV bleibt auch in modernen Fabriken für zahlreiche Schichten notwendig. Ein heimischer Anbieter müsste deshalb nicht sofort die anspruchsvollsten Anwendungen übernehmen, um Geschäft zu gewinnen. Bereits verlässliche Maschinen für einen Teil der Produktion könnten Abhängigkeiten verringern und den Einstieg in größere Aufträge erleichtern.Eine eigene Maschine ist noch keine eigene LieferketteDie Vorstellung, China müsse lediglich eine niederländische Maschine nachbauen, unterschätzt die Aufgabe. Ein Belichtungssystem vereint hochspezialisierte Optik, Lichtquellen, Präzisionsmechanik, Steuerung und Software. Für den Produktionsbetrieb kommen Verbrauchsmaterialien, Ersatzteile, Prüftechnik und qualifiziertes Servicepersonal hinzu. Eine Schwachstelle kann die Leistung des gesamten Systems begrenzen.Daraus folgt ein strengerer Maßstab für technologische Unabhängigkeit. Eine Anlage, die an einem chinesischen Standort zusammengebaut wird, ist nicht automatisch unabhängig von ausländischen Komponenten. Entscheidend wäre, ob sich kritische Teile dauerhaft beschaffen, in gleichbleibender Qualität fertigen und bei Ausfällen ersetzen lassen. Selbst eine erfolgreiche Erstmontage beantwortet diese Fragen noch nicht.Gelingt es chinesischen Maschinenbauern, ihre Systeme schrittweise in heimischen Fabriken zu etablieren, entsteht allerdings ein wichtiger Vorteil: praktische Rückmeldung. Jeder Einsatz kann zeigen, welche Komponenten verschleißen, welche Korrekturen erforderlich sind und wo Produktivität verloren geht. Diese Lernprozesse könnten langfristig schwerer wiegen als einzelne spektakuläre Demonstrationen. Voraussetzung bleibt, dass die Anlagen den Betrieb tatsächlich unterstützen und nicht dauerhaft durch unzuverlässige Ergebnisse belasten.Exportkontrollen gewinnen Zeit, nicht GewissheitDie Exportbeschränkungen haben den Zugang Chinas zu modernster Lithografietechnik erheblich erschwert. ASML bekräftigte im Juni 2026, niemals EUV-Systeme oder eigens dafür entwickelte Komponenten nach China geliefert zu haben. Das ist zugleich eine wichtige Grenze der Debatte: Ein chinesisches Entwicklungsprojekt ist nicht mit einer nachgewiesenen Lieferung vollständiger ASML-EUV-Anlagen gleichzusetzen.Strategisch lassen sich aus dieser Lage zwei unterschiedliche Wirkungen ableiten. Fehlender Zugang zu Spitzentechnik kann Fortschritte verzögern und die Kosten der Aufholjagd erhöhen. Zugleich wächst der Anreiz, eigene Lösungen zu finanzieren und heimische Lieferanten auch dann zu erproben, wenn deren Produkte zunächst weniger leistungsfähig sind.Daraus folgt weder, dass Exportkontrollen wirkungslos wären, noch, dass sie einen technologischen Vorsprung dauerhaft garantieren könnten. Ihr langfristiger Nutzen hängt auch davon ab, wie die gewonnene Zeit eingesetzt wird. Eine Industrie, die ihre eigenen Entwicklungsprogramme vernachlässigt, lässt sich nicht allein durch Beschränkungen für Wettbewerber absichern.ASML steht nicht vor dem ZusammenbruchDie aktuellen Geschäftszahlen passen jedenfalls nicht zum Bild eines Konzerns, dessen Position bereits zusammengebrochen wäre. Im zweiten Quartal 2026 erzielte ASML rund 9,3 Milliarden Euro Umsatz und 2,9 Milliarden Euro Nettogewinn. Im Juli hob das Unternehmen seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr auf 43 bis 45 Milliarden Euro an. Die Nachfrage wird wesentlich durch Investitionen in Rechenleistung und Speicher für künstliche Intelligenz getragen.Am 8. September 2026 begann ASML zudem mit dem Bau eines neuen Produktionscampus bei Eindhoven. Die erste Ausbaustufe soll bis 2029 zusätzliche Büros, Logistikflächen und Reinräume schaffen. Der Konzern erweitert damit seine industrielle Basis, statt sich auf die Verteidigung vorhandener Kapazitäten zu beschränken.Diese Entwicklung widerlegt chinesische Fortschritte nicht. Sie zeigt aber, weshalb zwei Zeithorizonte getrennt betrachtet werden müssen. Ein Unternehmen kann heute hohe Gewinne erzielen und zugleich vor einem ernsthaften langfristigen Wettbewerbsrisiko stehen. Umgekehrt ist ein potenzieller Konkurrent noch keine Erklärung für einen bereits eingetretenen Machtwechsel.Hinzu kommt, dass ASML seine Technik weiterentwickelt. Die High-NA-EUV-Generation vergrößert die numerische Apertur des optischen Systems von 0,33 auf 0,55 und ermöglicht eine höhere Auflösung. Sie soll besonders anspruchsvolle Strukturen mit weniger aufwendigen Prozessfolgen herstellen helfen. China arbeitet damit nicht auf ein unveränderliches Ziel hin: Während neue Anbieter frühere Hürden überwinden, verschiebt sich die technologische Spitze weiter.Woran sich der Durchbruch messen mussFür die weitere Entwicklung zählen deshalb weniger Ankündigungen als überprüfbare Ergebnisse. Entscheidend wäre zunächst, ob ein chinesisches EUV-System tatsächlich funktionsfähige Chips mit den vorgesehenen Eigenschaften herstellen kann. Danach müssten sich Qualität, Geschwindigkeit und Verfügbarkeit über längere Produktionsläufe bewähren. Schließlich wäre zu zeigen, dass sich solche Maschinen nicht nur einmal bauen, sondern wiederholt liefern und zuverlässig betreuen lassen.Erst dieses Gesamtbild würde einen belastbaren Vergleich mit ASML erlauben. Es müsste auch den Aufwand für Wartung, Verbrauchsmaterialien, Ersatzteile und Ausschuss berücksichtigen. Ein niedrigerer Kaufpreis wäre wenig wert, wenn eine Anlage häufiger ausfällt oder pro brauchbarem Chip wesentlich mehr Ressourcen verbraucht.Chinas Fortschritte sollten deshalb weder kleingeredet noch zum vollendeten Sieg erklärt werden. Eine technisch eigenständige Alternative könnte die Kräfteverhältnisse der Halbleiterindustrie verändern, auch ohne ASML sofort weltweit zu verdrängen. Ein großer Teil ihrer strategischen Wirkung läge bereits darin, chinesischen Herstellern eine verlässliche zweite Option zu verschaffen.Noch ist diese Option bei EUV nicht als kommerziell ausgereiftes Angebot belegt. Der eigentliche Haken liegt somit nicht hinter dem Durchbruch, sondern mitten darin: Zwischen einem Prototyp und industrieller Unabhängigkeit steht die Fähigkeit, Präzision dauerhaft in wirtschaftliche Produktion zu übersetzen. Für China ist das die nächste Bewährungsprobe. Für ASML wäre erst deren erfolgreiche Bewältigung der Beginn einer grundlegend anderen Wettbewerbslage.