Dubai Telegraph - Lehrer Engin Çatık beschreibt ungleiche Startbedingungen und die Bedeutung von Vertrauen

EUR -
AED 4.238811
AFN 75.022966
ALL 91.672628
AMD 419.537692
ANG 2.066447
AOA 1059.55903
ARS 1739.351817
AUD 1.619413
AWG 2.07901
AZN 1.957383
BAM 1.956934
BBD 2.324627
BDT 142.102356
BGN 1.943034
BHD 0.435048
BIF 3450.970122
BMD 1.154204
BND 1.468738
BOB 13.33061
BRL 5.938261
BSD 1.154159
BTN 110.753228
BWP 15.620918
BYN 3.504601
BYR 22622.396885
BZD 2.321225
CAD 1.607968
CDF 2669.093803
CHF 0.945126
CLF 0.027889
CLP 1101.203245
CNY 7.746382
CNH 7.746544
COP 3605.53684
CRC 516.494861
CUC 1.154204
CUP 30.586404
CVE 110.327507
CZK 24.306268
DJF 205.527333
DKK 7.475508
DOP 67.868746
DZD 154.356205
EGP 59.774608
ERN 17.313059
ETB 185.827115
FJD 2.567526
FKP 0.855416
GBP 0.856252
GEL 2.989216
GGP 0.855416
GHS 13.25551
GIP 0.855416
GMD 84.83445
GNF 10148.793838
GTQ 8.81103
GYD 241.467851
HKD 9.05417
HNL 31.071061
HRK 7.534598
HTG 150.846116
HUF 365.292269
IDR 20419.021596
ILS 3.512185
IMP 0.855416
INR 110.699119
IQD 1512.584241
IRR 1586568.712443
ISK 139.820478
JEP 0.855416
JMD 181.782203
JOD 0.818363
JPY 179.229979
KES 149.422829
KGS 100.934904
KHR 4675.66929
KMF 492.845335
KPW 1038.783897
KRW 1577.940296
KWD 0.356256
KYD 0.961849
KZT 516.204696
LAK 25829.745926
LBP 103354.904211
LKR 380.75737
LRD 201.515043
LSL 18.778905
LTL 3.408064
LVL 0.698166
LYD 7.317715
MAD 10.91233
MDL 20.065455
MGA 5049.641947
MKD 61.561745
MMK 2423.199621
MNT 4154.59545
MOP 9.325424
MRU 46.225673
MUR 54.039998
MVR 17.77448
MWK 2004.271858
MXN 19.783361
MYR 4.668291
MZN 73.765567
NAD 18.769115
NGN 1529.554162
NIO 42.25512
NOK 10.78124
NPR 177.205165
NZD 2.008309
OMR 0.443795
PAB 1.154159
PEN 3.872336
PGK 5.127547
PHP 72.433244
PKR 319.961663
PLN 4.342075
PYG 6869.921965
QAR 4.203553
RON 5.260055
RSD 117.373314
RUB 97.18192
RWF 1695.453227
SAR 4.331814
SBD 9.256137
SCR 16.02754
SDG 694.306762
SEK 11.28161
SGD 1.469515
SHP 0.856679
SLE 28.439506
SLL 24203.069786
SOS 659.570827
SRD 43.570862
STD 23889.690871
STN 24.873095
SVC 10.098765
SYP 15006.959696
SZL 18.744258
THB 38.370374
TJS 10.647078
TMT 4.051256
TND 3.363062
TOP 2.779046
TRY 56.159985
TTD 7.832471
TWD 36.768321
TZS 3053.59421
UAH 51.524515
UGX 4535.56966
USD 1.154204
UYU 46.416499
UZS 13578.869679
VES 970.897898
VND 29987.372116
VUV 136.297398
WST 3.152705
XAF 655.957
XAG 0.017855
XAU 0.000267
XCD 3.119294
XCG 2.080124
XDR 0.816082
XOF 655.957
XPF 119.331742
YER 273.035606
ZAR 18.741265
ZMK 10389.219903
ZMW 22.534865
ZWL 371.653192
SSP 6516.900596
MXV 2.243306
  • Goldpreis

    30.0000

    4362.8

    +0.69%

  • DAX

    -38.5200

    25402.28

    -0.15%

  • EUR/USD

    0.0007

    1.1549

    +0.06%

  • SDAX

    -54.6700

    18127.33

    -0.3%

  • Euro STOXX 50

    -23.8800

    6236.5

    -0.38%

  • MDAX

    78.5500

    31135.75

    +0.25%

  • TecDAX

    15.8700

    3976.62

    +0.4%

Lehrer Engin Çatık beschreibt ungleiche Startbedingungen und die Bedeutung von Vertrauen
Lehrer Engin Çatık beschreibt ungleiche Startbedingungen und die Bedeutung von Vertrauen

Lehrer Engin Çatık beschreibt ungleiche Startbedingungen und die Bedeutung von Vertrauen

In einer veröffentlichten Leseprobe schildert Engin Çatık seine Kindheit in Berlin-Marienfelde und die Folgen familiärer Armut. Der Lehrer widerspricht der Vorstellung, sein eigener Aufstieg belege gleiche Chancen für alle.

Textgröße:

Der Berliner Lehrer Engin Çatık verbindet in seinem Buch „Ich gebe niemanden auf“ seine eigene Familiengeschichte mit Beobachtungen aus dem Schulalltag. In einer vom Freitag veröffentlichten Leseprobe beschreibt er, wie materielle Unsicherheit, Scham und fehlende Unterstützung die Lernbedingungen von Kindern beeinflussen. Der Text entstand mit Ebru Taşdemir.

Çatık wendet sich gegen die Schlussfolgerung, sein persönlicher Weg zeige, dass jeder mit genügend Anstrengung erfolgreich sein könne. Er habe sich angestrengt und sei ehrgeizig gewesen, betont aber zugleich die Rolle von Glück. Kinder hätten keinen Einfluss darauf, in welche Familie sie geboren würden, welche Sprache zu Hause gesprochen werde, wie viel Geld verfügbar sei oder welche Sicherheiten sie vorfänden.

Mit Glück verbindet er auch die Erfahrung, von anderen wahrgenommen zu werden. Entscheidend könne sein, ob jemand einem Kind etwas zutraue, Fehler verzeihe, Nähe vermittle und an seine Möglichkeiten glaube. Solche Erfahrungen seien neben der eigenen Anstrengung Teil seines Weges gewesen. Deshalb versteht er Hinweise auf seinen Erfolg nicht als Beleg dafür, dass bestehende Startbedingungen für alle überwindbar seien.

Seine Kindheit verbrachte Çatık in einer Hochhaussiedlung in Marienfelde im Süden Berlins. Das Haus hatte neun Stockwerke mit jeweils neun Wohnungen pro Etage. Vom Balkon der Familienwohnung im sechsten Stock war der ehemalige Grenzstreifen zu sehen, nur wenige Hundert Meter entfernt. Dieses Umfeld unterscheidet sich nach seiner Darstellung von dem Berlin, das viele später zugezogene Akademiker und wirtschaftlich erfolgreiche Menschen kennengelernt haben.

Bei heutigen Hintergrundgesprächen und Podiumsrunden treffe er häufig Menschen, die erst zum Studium oder wegen eines guten Arbeitsplatzes in die Stadt gekommen seien. Manche gebürtige Berliner in diesen Runden stammten aus wohlhabenderen Milieus des früheren West-Berlins. Obwohl über dieselbe Stadt gesprochen werde, seien die zugrunde liegenden Erfahrungen verschieden.

Çatık beschreibt insbesondere Unterschiede im sicheren Auftreten. Gespräche über Politik, Literatur und gesellschaftliche Fragen gehörten in anderen Familien bereits zum Alltag. Menschen, die in prekären Verhältnissen aufgewachsen seien, müssten erst lernen, wie man in solchen Räumen spreche, widerspreche und selbstbewusst auftrete. Er selbst habe entsprechende intellektuelle Gespräche auch während seines Studiums noch nicht selbstverständlich geführt.

Marienfelde steht zugleich für unterschiedliche Phasen der deutschen Migrationsgeschichte. Das Notaufnahmelager nahm zwischen 1953 und 1990 mehr als eine Million Menschen auf, die aus der DDR geflohen waren. Nach dem Mauerfall kamen vor allem Aussiedler aus der früheren Sowjetunion. In den späten 2000er-Jahren wurde es zu einem Heim für Asylbewerber umgewandelt und wird weiterhin so genutzt.

Çatık stammt aus einer türkischen Familie. Seine Großeltern kamen nach dem Anwerbeabkommen von 1961 als Gastarbeiter nach Deutschland. Die Eltern wurden als Kinder nachgeholt und lebten in derselben Nachbarschaft in Tempelhof. Zunächst besuchten beide sogenannte Ausländerklassen für Gastarbeiterkinder, die von türkischen Lehrkräften unterrichtet wurden. Erst später wechselten sie in Regelklassen.

Als Kind habe er diese Familiengeschichte noch nicht als Teil einer größeren historischen Entwicklung verstanden. Großeltern und Eltern seien für ihn zuerst vertraute Menschen gewesen, nicht Vertreter bestimmter migrationspolitischer Kategorien. Heute ordnet er seinen Kiez auch als einen Ort von Ankunft, Weggang, Flucht und Vertreibung ein.

Nach der Trennung seiner Eltern zog der Vater in eine kleine Wohnung über der Familie. Noch bevor Çatık zehn Jahre alt war, kam sein Vater ins Gefängnis. Für ihn und seine Schwester blieb der Vater dennoch präsent, wenn auch auf eine schwierige Weise. Die Trennung bedeutete nach seiner Erinnerung deshalb nicht, dass die Beziehung zu ihrem Vater aus dem Alltag der Kinder verschwand. Einzelheiten dazu werden in dem veröffentlichten Abschnitt nicht ausgeführt.

Die Mutter trug anschließend noch mehr Verantwortung für die vier Kinder. Sie arbeitete, erledigte Einkäufe, kochte und organisierte Termine. Im Wohnzimmer lagen Briefe, darunter Bescheide, Nachforderungen und Schreiben von Behörden. Manche waren geöffnet, andere blieben liegen. Çatık erinnert sich an Phasen, in denen seine Mutter den Überblick behielt, und an andere, in denen sie sichtbar überfordert war. Nachts hörte er sie häufig weinen und fühlte sich als Kind machtlos.

Seine Mutter arbeitete im Restaurant einer Tante und eines Onkels von Çatık sowie in einer Bäckerei. Ihr Einkommen reichte jedoch nicht aus, um die vier Kinder allein zu versorgen; die Familie erhielt zusätzlich Sozialleistungen. Die Armut sei von außen nicht unbedingt erkennbar gewesen. Trotz Erschöpfung vermittelte sie den Kindern Liebe, Zuspruch und den Glauben an Chancen, auch wenn sie nicht bei den Hausaufgaben helfen konnte. Çatık beschreibt sie dabei nicht als unverwundbar: Sie war müde und konnte ihre Überlastung auch deutlich aussprechen. Dennoch machte sie weiter und signalisierte den Kindern, dass ihr Leben Möglichkeiten bereithielt.

Wie eng Geldmangel mit Scham verbunden sein kann, erläutert Çatık an einer Erinnerung an schwarze Turnschuhe mit Löchern. Weil neue Schuhe nicht bezahlt werden konnten, trug er schwarze Socken, damit die Löcher möglichst wenig auffielen. Die Angst vor sichtbarer Armut könne nach seiner Erfahrung bereits einsetzen, bevor jemand ausdrücklich etwas darüber sage.

Als weitere mögliche Situationen nennt er die Kosten einer Klassenfahrt, das öffentliche Nachfragen nach einem Zuschussformular oder die Sorge, beim Einkauf bei der Tafel erkannt zu werden. Manche Kinder wollten keine Freunde nach Hause einladen oder dächten bei einer Geburtstagseinladung zuerst an das Geld für ein Geschenk. Çatık beschreibt, wie aus materieller Knappheit in der Wahrnehmung eines Kindes eine Frage des eigenen Werts werden könne.

Er warnt außerdem vor vorschnellen Urteilen im schulischen Umfeld. Rückzug könne als fehlender Ehrgeiz verstanden werden. Eltern, die nicht zu Gesprächen kämen, würden mitunter als desinteressiert angesehen. Tatsächlich könnten Arbeitszeiten, schwer verständliche Schulbriefe, belastende Erfahrungen mit Behörden oder Unsicherheit gegenüber einer fremden Gesprächswelt dahinterstehen.

Kinder nähmen diesen Druck auf und reagierten unterschiedlich: Sie zögen sich zurück, verdeckten Mangel, vermieden Nachfragen oder verhielten sich provokant, um einer Bloßstellung zuvorzukommen. Das beanspruche nach Çatıks Beobachtung Energie, Konzentration und Lernfähigkeit. Viele Kinder lernten zudem früh, eigene Wünsche nach Schuhen, Jacken oder Hosen zurückzustellen, um die Eltern nicht zusätzlich zu belasten. Was wie Reife erscheine, könne eine zu früh übernommene Rücksichtnahme sein.

Auch die räumlichen Lernbedingungen seien ungleich. In seinem eigenen Kinderzimmer stand lange kein Schreibtisch. Hausaufgaben machte er auf dem Bett, im Bus oder kurz vor Unterrichtsbeginn. Ein späterer kleiner Computertisch von vielleicht 40 Zentimetern Breite diente vor allem als Ablage für Kleidung. Das Lernen ohne festen Arbeitsplatz war bereits zur Gewohnheit geworden. Ähnliche Unterschiede begegnen ihm heute bei Schülern: Manche haben Ruhe, einen geeigneten Platz und Hilfe; andere müssen ihre Aufgaben zwischen den übrigen Anforderungen des Alltags erledigen.

H.Nadeem--DT